Keine Bange, wenn Ihnen noch immer kein angemessenes Weihnachtsgeschenk eingefallen ist: Hier kommen Tipps für Bücher, die auch ohne Kerzen in alle Augen ein warmes Leuchten zaubern.

Fotobände:

Vom Zauber eines Anfangs
Heute ist sie natürlich ein Star mit internationalem Kultstatus, deren Fotos sorgfältig arrangierte Kompositionen sind, aber vor genau 50 Jahren, als die blutjunge Kunststudentin Annie Leibovitz den Pinsel mit der Kamera tauschte, entstanden noch ganz andere Bilder. Da ging sie für das US-Magazin „Rolling Stone“ mit zahllosen Bands auf Tournee, beobachtete US-Politiker im Wahlkampf, andere Promis beim Leben, und die Aufnahmen, die sie dabei gleichsam aus der Hüfte schoss, sind bis heute von einer umwerfenden Spontaneität. In diesem Band sind sie versammelt, und schon die Porträts auf dem Umschlag, die auf den Beifahrersitzen Dutzender Autos entstanden, sind großartige Dokumente aus einer Zeit, als Rockmusik noch mit der Hand gemacht wurde – und die Fotos genauso entstanden.

Annie Leibovitz: The Early Years 1970-1983. 180 Seiten. Taschen. 40 Euro Foto: Taschen

Was heißt denn hier Provinz?
Deutschland? Aber wo liegt es? fragte der Dichter Friedrich Schiller schon vor über 200 Jahren. Das Fotografen-Ehepaar Ute und Werner Mahler, in der DDR zu Ruhm gekommen und 1990 Mitgründer der inzwischen fast legendären Agentur „Ostkreuz“, machte sich auf die Suche und hat sich drei Jahre lang in rund hundert Kleinstädten in Ost und West umgesehen. Das (bewusst in Schwarzweiß aufgenommene) Ergebnis: eine Welt voller Grautöne, dokumentiert mit jener unsentimentalen Lakonik, die längst das Markenzeichen der Mahlers geworden ist. Eng ist es denn auch oft auf diesen Aufnahmen und leer zugleich, und manchmal friert man, wie einst Franz Josef Degenhardt, vor Gemütlichkeit. Ist Provinz Heimat? fragt Ute Mahler einmal. Zumindest ein Teil der – durchaus nicht beschönigenden – Antwort liefern diese Bilder.

Ute und Werner Mahler: Kleinstadt. 144 S., 69 Abb. Hartmann Projects Verlag. 49 Euro Foto: HartmanProjects

 

Kunstbände:

Auf den Spuren eines Genies
Eigentlich ist der „Gauguin Atlas“ gar kein Atlas, sondern eher eine illustrierte Reise durch das bewegte Leben des Malers Paul Gauguin (1848 -1903), der mal in Paris, mal in Kopenhagen, in der Bretagne oder auf Tahiti lebte. Gauguin gab eine Karriere als Börsenmakler mit sehr großem Gehalt auf, um frei zu sein und zu malen. Seine Frau Mette ließ er mit vier Kindern mittellos in Kopenhagen sitzen, lebte eine Weile mit Vincent van Gogh in Arles, dann wieder in der Bretagne, in Paris und schließlich auf Tahiti, hatte überall Frauen und ließ sie mit gemeinsamen Kindern sitzen, lebte oft von Zuwendungen, verschwieg gelgentliche Einnahmen und machte sich immer und überall Feinde. Seine kraftvolle Malerei wurde erst nach seinem Tod erfolgreich. Der Gauguin Atlas zeichnet seine Leben in aller Welt detailliert und schwungvoll nach und bietet darüber hinaus alte Karten, Bilder, Zeichnungen, Briefe und Stadtpläne und natürlich Gauguins Gemälde als Illustration. Ein wunderbares Geschenk auch für Kunst-Anfänger.

Nienke Denekamp: Der Gauguin Atlas. 160 S., 350 Abb. Sieveking. 29 Euro. Foto: Sieveking

Eine Epoche der Sehnsucht
In den „Jungen Mann“, dessen Porträt das Buchcover ziert, möchten sich alle auf der Stelle verlieben – Frauen wie Männer. Und wer glaubt, so viel Schönheit sei einmalig, der irrt sich. Blättert man durch diesen großformatigen Katalog, dann geht es nämlich einfach so weiter – mit 120 Meisterwerken von Giotto, Botticelli oder Leonardo da Vinci.
Die Münchner Alte Pinakothek hat hinreißende Zeugnisse Florentiner Renaissancemalerei vom Arno an die Isar geholt. Denn im Florenz des 15. Jahrhunderts wurde die Malerei neu erfunden. Ermutigt und unterstützt durch die Mäzene aus der Medici-Familie experimentierten Künstler in dieser Zeit mit Themen, Formen und Techniken. Wie es dazu kam, dass sie dabei eine so facettenreiche Opulenz gewannen, die uns bis heute fasziniert und überrascht, kann man in ebenso anspruchsvollen wie verständlichen Aufsätzen nachlesen.
Das Florenz der Medici ist und bleibt eine Sehnsuchtsepoche: bis 27. Januar 2019 zu erleben in der Ausstellung und als Lese- und Schaugenuss im Katalog. Ein kostbares Geschenk.
Andreas Schumacher: Florenz und seine Maler: Von Giotto bis Leonardo da Vinci. Hirmer Verlag, 320 S., ca. 170 Abb., 45 Euro. Foto: Hirmer

Als Schlendern noch eine Kunst war
Gedankenlosigkeit? Unvermögen? Da erscheint ein famoser Katalog zu einer famosen Bonner Ausstellung mit dem famosen Titel „Der Flaneur“, und was ist auf dem Umschlag zu sehen? Eine Dame. Aber man sollte sich nicht zu lange über diesen ärgerlichen Lapsus aufregen, denn wenn man sich das Buch dann anschaut, entdeckt man eine faszinierende Welt: die des Schlenderns und Umherschweifens in der Großstadt. Kapitale dieses Müßiggangs war natürlich das Paris des 19. Jahrhunderts mit seinen breiten Boulevards und eleganten Passagen. Später lieferte Berlin eine dunklere, nervösere Version dieser ganz eigenen „Lektüre der Straße“, und so waren es nach den Impressionisten Künstler wie Ernst Ludwig Kirchner und George Grosz, die sich des Menschen im Dschungel der Großstadt annahmen. Doch je weiter das 20.Jahrhundert fortschritt, desto mehr verschwand der Flaneur. Der Street Photography gelangen noch ein paar eindrucksvolle Bilder – inzwischen ist der ziellose Passant zu einer Sehnsuchtsfigur aus der Vergangenheit geworden.

Volker Adolphs und Stephan Berg: Der Flaneur. Vom Impressionismus bis zur Gegenwart. 344 S., 230 Abb. Wienand. 39,80 Euro. Die Ausstellung im Kunstmuseum Bonn ist noch bis zum 13. Januar 2019 zu sehen. Foto: Wienand

Wenn der Schein trügt
Jemanden hinters Licht führen gilt nicht gerade als die feinste aller Umgangsformen. Dass es aber Ausdruck delikatester Kunstfertigkeit sein kann, belegt dieser informative Katalog, der zu einer Ausstellung in der Münchner Kunsthalle der Hypo-Stiftung erschienen ist. Über vier Jahrtausende, von der Antike bis in die Gegenwart, und an so gut wie allen Disziplinen der Kunst wird die „Lust der Täuschung“ dokumentiert, und ob nun auf einem pompejanischen Wandgemälde aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. erlegte Tiere wie zum Anfassen abgebildet sind, ob Raffael sein Fresko „Schule von Athen“ gleichsam in 3D malte oder die Brüder Lumière rund 4 Jahrhunderte später einen Zug von der Filmleinwand auf das Publikum zurasen ließen – soviel schöner Schein, wie jetzt in diesem Buch (und noch bis zum 13. Januar in der Ausstellung) zu bewundern ist, war selten in letzter Zeit.

Lust der Täuschung. 264 S., 200 Abb. Hirmer. 39.90 Euro Foto: Hirmer

Lesen von allen Seiten
Wer sich nicht entscheiden möchte, ob er lieber liest oder Gemälde betrachtet – dem seien diese zwei Bücher empfohlen. Sie bieten nämlich beides.
Über alle Kulturen und Epochen hinweg blieb die Faszination des Lesens ungebrochen. Daher verwundert es nicht, dass der Reiz der Bücher auch immer ein bevorzugtes Motiv der Maler war: So findet sich verschwenderische Hingabe bei Alex Katz, stille Versunkenheit bei Suzanne Valadon, laszive Selbstvergessenheit bei Pablo Picasso oder konzentrierte Ernsthaftigkeit bei El Greco.
Die „Kunst des Lesens“ (Prestel Verlag) präsentiert 280 Gemälde, keines gleicht dem anderen, aber alle eint das Motiv von der Leidenschaft zu lesen – eingefangen in Kunstwerken von Fresken aus Pompeji bis zu Installationen von Anselm Kiefer – und versehen mit kenntnisreichen Kommentaren.
Als Geschenk ebenfalls gut geeignet für Lesende, die Sie zur Kunst locken möchten, ist der Band „Lektüre“ (Schirmer/Mosel Verlag). Er versammelt berühmte Bilder von Menschen mit Büchern aus Malerei, Handzeichnung und Druckgrafik von Auguste Renoir bis Gabriele Münter, setzt aber den Schwerpunkt auf Kunst des 20. Jahrhunderts. Dabei widmet sich der elegant gestaltete Bildband auch jenen Künstlern wie Paul Klee und Cy Twombly, die in der Geste des Schreibens ein Hauptmotiv ihrer Kunst fanden, oder er zeigt, wie die Fotografin Candida Höfer Bibliotheken und Lesesäle in Szene setzte.
Mit Essays über das Wesen des Lesens, verfasst von berühmten Autoren wie Marcel Proust, Kurt Tucholsky oder Umberto Eco, reicht das Buch weit über die Ausstellung hinaus, die es im bayerischen Kochel am See im vergangenen Herbst begleitet hat.
Ach, lesen Sie doch einfach selbst.

David Trigg: Die Kunst zu lesen. Prestel Verlag. 352 S., 280 Abb., 22 Euro
Cathrin Klingsöhr-Leroy: Lektüre. Bilder vom Lesen – Vom Lesen der Bilder. Schirmer/Mosel Verlag. 172 S., 81 Abb., 39,80 Euro
Fotos: Prestel/SchirmerMosel