Unser Autor

Unser Kolumnist, der Ungar Péter Pál Meleghy, ist Autor vieler Reiseführer und Kochbücher und schreibt für verschiedene deutsche Zeitschriften. Er lebt in Hamburg und Budapest und betreibt die Website www.ungarnaktuell.de, außerdem die beiden Literaturseiten www.phantastisch-realistische-literatur.de und www.ein-oscar-fuer-hitler.com

Sozialistische Unmoral und die römische Kirche – Gegensätze, die sich sanft
ineinanderfügen – können

Anfang der 1980er Jahre sah ich während meiner ersten Reportagen in Budapest immer wieder kleine Autos der Marke Fiat 500, „Cinquecento“. Sie trugen römische Kennzeichen und viele von ihnen waren feuerrot lackiert. Drinnen saß immer ein junges, offensichtlich glückliches Paar. Sie Ungarin, er Italiener.
Auffällig waren die Gefährte schon deshalb, weil es damals in Budapest wenige Autos gab, und diese wenigen kamen aus der Deutschen, Rumänischen oder der Tschechischen Demokratischen Republik, und waren nicht gerade hübsch oder gar lustig – und schon gar nicht rot. Zudem sah man glückliche Auto-Insassen in der ungarischen Hauptstadt ohnehin selten.

Kultauto „Cinquecento“

Das Glück und des Rätsels Lösung lag in den Genen und der Erziehung der Insassen versteckt. Die jungen Männer, wohlgemerkt die Jungs (!), kamen aus einem Land mit Jahrtausende alter matriarchalischer Tradition, begründet durch die geraubten Sabinerinnen, die zuvor (im heutigen Umbrien) in einer Gynaikokratie, Frauenherrschaft, mit freier Liebe lebten. Als aber um 400 nach Chr. Päpste und Bischöfe in Frauenkleidern(!) auf der Bühne des römischen Herren-Theaters auftraten und unter Androhung von Höllenqualen die außereheliche Liebe verboten, beließen sie den Frauen die volle Macht in der Familie, weil die bereit waren, das Sexverbot (das im Prinzip auch für die Priester galt) bei der Jugend durchzusetzen.
Tatsächlich regierten in Süditalien auch im 20. Jahrhundert die Frauen, besonders die Mütter und Großmütter, und wachten streng über die Unversehrtheit der Jungfernhäutchen ihrer Töchter und Enkelinnen. Mir berichtete in den 1970ern ein Freund, der in Rom Zahnmedizin studierte, dass man dort mit den Mädchen alles machen konnte. Alles, nur keinen Sex. Die italienischen Jungen wiederum lernten, dass man bei Müttern, Tanten, Großmüttern, überhaupt bei Frauen mit Höflichkeit, Freundlichkeit, Lächeln und Witzchen alles erreichen kann. Selbst winzige Geschenke können Wunder wirken.
In Ungarn, wie in anderen Ländern des Sozialismus gab es keinen Religionsunterricht. Und der „Liebe Gott“ kam nicht dazu, Sex zu verbieten bzw. als etwas Böses in die jugendlichen Herzen und Hirne zu impfen. Zudem arbeiteten in den meisten Familien beide Eltern außer Haus, und selbst eine Abtreibung bedeutete kein großes Problem.
So waren die jungen Ungarinnen – Abkömmlinge wilder Reiter und Rinderzüchter, die mit ihren Frauen nicht gerade zimperlich umgingen (umgehen) –, geradezu hingerissen, als sie die sanften, lustigen Italiener kennenlernten. Ihr Männerbild begann zu glänzen. Zumal auf dem schmalen Rücksitz des „Cinquecento“ wie zufällig hübsch verpackte Nylonstrümpfe, Unterwäsche, Nagellack und Ähnliches lagen. Und auch im Sex waren die Italiener anders. Spielerischer, sanfter. Da gab es keine Eile, sondern Streicheleien, Liebesschwüre und tausend Küsse. Dafür waren die Mädchen und jungen Frauen spontan hingebungsvoll – was wiederum für die südländischen Jungs das Paradies bedeutete.
Réka und Domenico (beide um die 60), lernte ich unlängst in einem Budapester Café kennen. Sie sprachen italienisch. Réka betonte die erste Silbe (falsch), Domenico (richtig) die vorletzte. Sie berichteten begeistert, dass sie allein in der Innenstadt über zehn ungarisch-italienische Paare kennen. Und als Ausnahme, um die Regel zu bestätigen, eine junge Frau, die sagt: „Die Italiener sind keine Männer! Die können nicht sagen: ‚das will ich, und das will ich nicht!‘ Die sind Muttersöhnchen.“
Da ist natürlich etwas dran – vielleicht das Wichtigste. Vermutlich halten gerade deshalb die Verbindungen zwischen den selbstbewussten, unternehmerischen Frauen und ihren sanften Männern so überraschend lang. Von den 1980er Jahren bis heute. Auch wenn die Paare keinen „Cinquecento“ mehr fahren.
Fotos: privat/Hersteller