Unser Autor

Unser Kolumnist, der Ungar Péter Pál Meleghy, ist Autor vieler Reiseführer und Kochbücher und schreibt für verschiedene deutsche Zeitschriften. Er lebt in Hamburg und Budapest und betreibt die Website

Unser Kolumnist, der Ungar Péter Pál Meleghy, ist Autor vieler Reiseführer und Kochbücher und schreibt für verschiedene deutsche Zeitschriften. Er lebt in Hamburg und Budapest und betreibt die Website www.ungarnaktuell.de, außerdem die beiden Literaturseiten www.phantastisch-realistische-literatur.de und www.ein-oscar-fuer-hitler.com

                     Schiffskatastrophe auf der Donau. Natürliche Ursache?
                     Ein Schwimmkran in Schwierigkeiten und andere Seltsamkeiten

Blumenmeer am östlichen Donau-Kai in Budapest. Zwischen den verwelkten Rosen und Nelken: Kerzenleuchter, Kinderspielzeug, Plüschaffen und -bären, ein Paar weiße Damenschuhe, Abschiedsbriefe auf Ungarisch und Koreanisch. Rundherum viele Menschen.
Dahinter, auf der breiten Donau dichter Verkehr. Auf ihrer östlichen, also Pester Seite parken kilometerlang weiße Hotelschiffe, je zwei nebeneinander. Der Fluss führt Hochwasser und fließt schneller als sonst, trägt Äste, Laub und Autoreifen mit sich, er bildet Wirbel an den Brückenpfeilern. Die Schiffe auf Bergfahrt schleichen, die auf Talfahrt rasen.
Ein kleines Mädchen von etwa sieben Jahren teilt mir mit, dass ihr Plüschaffe größer und schöner ist als der koreanische zwischen verwelkten Blumen, überhaupt der schönste Affe von allen. Und: Dass ihr Opa das Unglück gesehen habe.
Eine Stunde später sitze ich mit Opa, einige Jahre jünger als ich, in einem Café. Der Schock nach 17 Tagen sitzt immer noch sichtbar tief. „Es war der 29. Mai abends um neun Uhr“, beginnt er. „Ich wartete am Kai auf meine Tochter, dort, wo jetzt die Blumen liegen. Auch da war auf der Donau dichter Verkehr und das Wasser noch höher. Dann sah ich zwei Schiffe, ein großes, langes, weißes Hotelschiff, und ein kleines Ausflugsschiff, nebeneinander zwischen zwei Brückenpfeilern fahren. Plötzlich scherte das kleine aus und geriet vor das große. Dann krachte es entsetzlich. Und das kleine, die „Wassernixe“ (ungarisch „Hableány“) sank in Sekunden. Ich dachte, ich werde ohnmächtig.“ Mein

Die Helfer waren schnell da

Gegenüber putzt sich die Nase und sagt: „Ich war völlig durcheinander. Soll ich die Rettung rufen? Die wissen es doch schon, dachte ich. Dann aber: Woher sollen die das wissen? Ich rief an. Ich berichtete vom Schiffsunglück und wo das war. Der Mensch in der Leitung hörte zu und fragte, ob ich getrunken habe. Dann brüllte ich: ‘Mann, hier sterben jetzt Menschen!‘ ‚Gut‘‚ wir kommen,‘ sagte er. Und tatsächlich hörte ich sofort die Sirenen. Aber noch schneller war die Bereitschaft der Wasserrettung. Die kamen mit zwei großen schwarzen Schlauchbooten, die Taucher, schon in Anzug und mit Sauerstoff-Flaschen, glitten ins Wasser und holten die ersten Überlebenden aus dem Wrack.“ Der alte Herr putzte sich wieder umständlich die Nase, und ich quälte ihn nicht weiter. Wir tranken je einen doppelten Aprikosen-Schnaps, da kamen auch schon seine Tochter und die zauberhafte Enkelin, um ihn abzuholen.
In den Abendnachrichten des 29. Mai hörte ich, dass an Bord der „Wassernixe“ fünf ungarische Besatzungsmitglieder und 30 südkoreanische Touristen waren, von denen sieben gerettet wurden. Also befanden sich noch 28 Tote im kleinen Ausflugsschiff. Dann kam die Meldung, dass der ukrainische Kapitän des Hotelschiffes, „Viking Sigyn“ wegen Gefährdung des Schiffsverkehrs mit Todesfolge festgenommen wurde.  
Einen Tag später hörte ich den Kommentar einer Hydrologin, die offensichtlich anderer Meinung war: Durch die sintflutartigen Regenfälle der letzten Tage habe sich der Pegel der Donau enorm erhöht. Die Fließgeschwindigkeit ebenfalls. Sie betrug 4000 Liter in der Minute und damit das Doppelte des Üblichen. Es sei also mit Fug anzunehmen, dass die „Wassernixe“ durch den enormen Wasserdruck von einem Brückenpfeiler vor die „Viking Sigyn“ gedrückt worden sei. Mir leuchtete das – im Gegensatz zu den Behörden – ein.
Leider konnten erst einmal keine weiteren Opfer der Tragödie durch die Taucher geborgen werden, weil die „Wassernixe“ zu sehr beschädigt worden war. Das Schiff musste gehoben werden.
Dafür ist die Donau-Schifffahrts-Direktion mit einem Schwimmkran eigentlich auch ausgerüstet. Allerdings befand sich das Monstrum am Donauknie im Norden Ungarns. Das allein wäre kein Problem gewesen, denn ein Schwimmkran kann ja schwimmen, doch durch den hohen Wasserpegel konnte er unter vielen Brücken nicht hindurchkommen.     
Da half der nördliche Nachbar, Slowakei. Das Land betreibt gleich hinter der Grenze ein Wasserkraftwerk an der Donau. Es ist möglich, das Wasser für maximal drei Tage in einem riesigen Becken zu speichern, was auch getan wurde. Der Pegel der Donau sank ein wenig, aber gerade weit genug, dass „Clark Adam“, der Schwimmkran, nach Budapest kam, die „Wassernixe“ hob und in einen Reparaturhafen südlich von Budapest brachte. Dort begann der letzte Akt des Dramas: Die Bergung der 28 Leichen, unter ihnen die ungarische Besatzung. Als eine der letzten wurde eine südkoreanische Mutter gefunden, die ihre kleine Tochter noch im Tod festhielt.
Und schließlich geschah etwas wahrhaft Gespenstisches: Als alle Leichen von Bord waren, schlug der leichte Wind ein loses Stahlseil gegen die Schiffsglocke. Nur einmal. Ende der Arbeit? Totenglocke? „Da hatten manche von uns plötzlich einen Fussel im Auge“, sagte mir einer der großen, kräftigen Jungs der Wasserpolizei.
Als Nachtrag noch etwas Bemerkenswertes: Während  der Ermittlungen gegen den ukrainischen Kapitän der „Viking Sinyn“ stellte sich heraus, dass er am 1. April diesen Jahres in einem Kanal in Holland, nahe der Stadt Terneuzen, mit einem Hotelschiff der Familie Viking einen Öltanker gerammt hatte. So ermittelt gegen ihn auch die holländische Schifffahrtsbehörde, wie die europäische Justizbehörde Eurojust bestätigte.
Indessen scheint man in Ungarn nichts Schwerwiegendes gegen ihn zu finden. Gut: er hat kurz nach der Havarie einige Daten von seinem I-Phone gelöscht. Der Mann sitzt im Gefängnis und könnte gegen Kaution bald auf freien Fuß gesetzt werden. Fotos: privat/ungarnheute