Kunst: Die Heroen
Sie waren Zeitgenossen, sind einander jedoch nie begegnet, aber der eine konnte sich immerhin bereits 1933 eine Ausstellung vorstellen, bei der beider Arbeiten zu sehen sind. Jetzt, über 90 Jahre später, ist sie endlich zustande gekommen, und siehe da: Ernst Ludwig Kirchner (Jahrgang 1880) und Pablo Picasso (Jahrgang 1881) sind zwei Heroen der Klassischen Moderne, deren Werk bemerkenswerte Parallelen aufweist. Nicht nur, dass sich beide als Originale ohne Vorbild verstanden, ihr künstlerisches Interesse galt auch ähnlichen Motiven. So entdeckten beide das Großstadtleben (mitsamt seinen dunkleren Seiten), einfühlsame Porträts entstanden, und ihre Bilder tanzender, badender, nackter Frauen zeugen von unbeschwerter Lebenslust. Und selbst bei der Hinwendung zur Abstraktion sind Gemeinsamkeiten unverkennbar: Ganz gaben sie die Figürlichkeit nie auf. Es gibt also viel Spannendes zu sehen in dieser Ausstellung (bis 18.1. in Münster, 15.2.-3.5.2026 in Davos); schade nur, dass die Beiträge im Katalog das Vergnügen oft allzu hölzern geraten sind. PM
Katharina Beisiegel, Hermann Arnhold hrsg.: Kirchner. Picasso. 272 S., Wienand Verlag, 45 Euro.
Kunst: Die Pioniere
Sie waren Freunde und Liebende, Mentoren und Seelenverwandte – und Pioniere waren sie auch noch. Als sie Anfang der 1950er Jahre in New York auf der Bühne der zeitgenössischen Kunst auftauchten, machten sie die Stadt in kürzester Zeit zum Magneten der internationalen Avantgarde-Szene: der Komponist und Musiktheoretiker John Cage, der Choreograph und Tänzer Merce Cunningham sowie die drei Maler und Bildhauer Jasper Johns, Robert Rauschenberg und Cy Twombly.
Den glorreichen Fünf ist jetzt die Ausstellung „Fünf Freunde“ im Kölner Museum Ludwig gewidmet (bis 11.01.2026), zu der ein famoser Katalog erschienen ist. Ausstellung und Buch dokumentieren nicht nur das intensive Beziehungsgeflecht dieser Künstler, sie lassen auch den grandiosen Auftakt der amerikanischen Moderne lebendig werden: Mehr als 180 Kunstwerke, Kostüme, Partituren, Archivalien, Fotos, Essays und Texte von Zeitzeugen erzählen von immenser Innovationskraft, kompromisslosem Aufbruch und ganz neuen Synergien, die bis heute nachwirken. UvS
Yilmaz Dziewior (Hrsg.): Fünf Freunde. 332 S., 415 farbige Abb., Schirmer/Mosel Verlag.
58 Euro.
Kunst: Die Verschwiegenen
Die Düsseldorfer Kunstakademie zählte im 19. Jahrhundert zu den besten Ausbildungsstätten des Landes. Aber nur für Männer. Frauen war der Zugang verwehrt. Sie durften dort nicht studieren und konnten sich nur selten an Ausstellungen beteiligen. So entstand der männlich dominierte Kanon der Kunstgeschichte, wie wir ihn kennen.
Ein Katalogbuch zur Ausstellung im Düsseldorfer Kunstpalast (noch bis 1.2.26) zeigt nun, wie Frauen rund um diesen Anziehungsort für künstlerische Talente trotz aller Widrigkeiten findige Karrierestrategien entwickelten. Rund 30 von ihnen wurden ausgewählt, ihre Biografien dokumentiert und nach dem Verbleib ihrer Arbeiten geforscht. So entstand ein faszinierendes Spektrum künstlerischer Vielfalt von Frauen, deren Werke zum Teil noch nie gezeigt wurden. Mit fundierten Aufsätzen zum historischen Umfeld und einem fabelhaft gedruckten Bildteil liefert der Band einen erhellenden Beitrag zu einem – bislang – versäumten Kapitel der Kunstgeschichte. UvS
Kathrin DuBois (Hrsg.):Künstlerinnen! Von Monjé bis Münter. 210 S., 220 meist farbige Abb., Hirmer Verlag, 50 Euro.
Kunst: Die Dünnen
Spindeldürr ist fast noch untertrieben: die Menschen, die Alberto Giacometti (1901-1966) ab den Vierzigern in seinem Pariser Atelier geformt hat, sind wirklich extrem dünn – und haben ihn zu einem der bedeutendsten Bildhauer des 20. Jahrhunderts gemacht. Mal kaum größer als ein Zeigefinger, mal über zwei Meter hoch stehen und schreiten seine Figuren auf soliden Sockeln, und alle suchen sie offensichtlich ihren Platz in dem sie umgebenden Raum. Rund drei Dutzend dieser einsamen Wesen in einer fremden Welt sind noch bis 15. Februar in der Bremer Kunsthalle zu sehen, daneben zeigt diese erste deutsche Giacometti-Retrospektive seit zehn Jahren eine Reihe von Köpfen und Zeichnungen. So sind an die 100 Werke zusammengekommen, die einmal mehr beweisen, mit welcher Beharrlichkeit der Schweizer Künstler an seinem ganz eigenen Menschenbild gearbeitet hat. PM
Hugo Daniel, Eva Fischer-Hausdorf Hrsg.: Giacometti. Das Maß der Welt. 208 S., 210 Abb. Schirmer/Mosel Verlag. 48 Euro.
Kunst: Die Nackten
Ein Auftrag mit Folgen bis heute: „Die Geburt der Venus“, gemalt von Sandro Botticelli 1486. Bestellt nicht, wie damals üblich, von der Kirche, sondern wahrscheinlich von einem Mitglied der Medici-Familie. Fortan war die nackte Venus das Maß aller Dinge, so sollten Frauen sein: wunderschön, wohlproportioniert, liebenswert und tugendhaft.
Die britische Kunsthistorikerin Amy Dempsey startet ihr neues Buch „Der weibliche Körper in der Kunst“ mit Botticellis Venus und zeigt anschließend Bilder, Skulpturen und Fotos nackter Frauen durch die Jahrhunderte und ordnet sie ein. Mit dabei „Die große Odaliske“, gemalt 1814 von Jean-Auguste-Dominique Ingres, die generell weibliche Schönheit und keine konkrete Person darstellt. „Olympia“ von Éduard Manet dagegen, 1863 entstanden, stellt eine konkrete, selbstbewußt schauende Pariser Kurtisane dar. 1993 dann zeigt die iranische Künstlerin Shirin Neshat in ihrem Foto „I am its secret“ ihr halb verschleiertes Gesicht, beschrieben mit einem schwarz-roten Text in Farsi, einem Gedicht, in dem es um Hoffnung und Liebe geht aus vorrevolutionären Zeiten.
Amy Dempsey erklärt in ihrer sehr lesenswerten Einleitung, dass Frauen von der Renaissance bis ins 21. Jahrhundert dargestellt wurden als „die Guten, die Bösen und die Hässlichen“ und dass sie zeigen will, wie diese Darstellungen im Laufe der Zeit hinterfragt, demontiert und ersetzt wurden. Das gelingt der Autorin so überzeugend, dass es viel Freude macht, ihren Einsichten zu folgen.
Amy Dempsey: Der weibliche Körper in der Kunst. 240 S., Laurence King Verlag, 38 Euro.
Kunst: Die Atmenden
Sie sind sehr klein oder bis zu 100 Meter groß, es gibt sie schon seit 359 Millionen Jahren – also eigentlich immer schon, sie sind wunderschön und für uns lebenswichtig: Bäume.
Kein Wunder, dass sie auch in der Kunst von der Höhlenmalerei an ein Thema waren, wie eine Gruppe von Wissenschaftlern – u.a. Botaniker, Biochemiker, Arboretum-Mitarbeiter, Kunstgeschichtler – jetzt in einen fulminanten Prachtband mit 300 Gemälden, Zeichnungen, Fotos und Skulpturen beweist. Sortiert wurden die Bilder nicht historisch oder alphabetisch, sondern in Paaren, um interessante Vergleiche oder Kontraste hervorzuheben. So steht „Der rote Baum“ von Piet Mondrian von 1910 einem im Londoner Nebel durch einen Park gehenden Mann, fotografiert 1951 von Robert Frank, gegenüber. Und dem „Porträt von Luther Burbank“, gemalt 1931 von Frida Kahlo, wurde „Der Baum der Schlachten“ beigeordnet, einer Illustration des französischen Gelehrten Honoré Bouvet von 1390. Caspar David Friedrichs „Hünengrab im Schnee“ von 1807 wird durch ein Schwarz-Weiß-Foto einer uralten Eibe von Tacita Dean von 2006 ergänzt.
Jedes Bild wird in einem kleinen Text erklärt, im Anhang gibt es eine zeitliche Einordnung, Biografien der meisten Künstler, ein Glossar und einen ausführlichen Index.
Ein großartiges Buch, in dem man immer wieder blättern, gucken und lesen kann.
Dr. Giovanni Aloi: Bäume – der Atem der Welt, 352 S., Midas Verlag, 59 Euro.
Kunst: Die Fabelhaften
„Das Einhorn ist magisch…Es ist in keinem Zoo als lebendes Tier zu sehen, aber zugleich allgegenwärtig – in der Popkultur, als Werbung oder in den Kinderzimmern“, erklärt der Kurator Michael Philipp zu seiner Ausstellung „Einhorn – das Fabeltier in der Kunst“ im Potsdamer Museum Barberini (noch bis zum 1.2.26), zu der dieser mächtige Katalog erschienen ist. 150 Gemälde, Grafiken, Skulpturen und Teppiche aus mehreren Jahrhunderten werden darin gezeigt, beschrieben und eingeordnet. Dazu gibt es lesenswerte Essays u.a. zur angeblichen Existenz des Einhorns, seiner mythischen, religiösen und naturkundlichen Bedeutung. Und im Anhang folgt man seiner Spur durch 2500 Jahre in Reiseberichten und in der Literatur.
Fazit: Ein umfassendes Werk von 400 Seiten über ein ganz fabelhaftes Tier.
Michael Philipp, Béatrice de Chancel-Bardelot u.a.: Einhorn – das Fabeltier in der Kunst, 400 S., Prestel Verlag, 49 Euro.
Fotografie: Die Realistischen
Ihre üppige Badeschönheit aus dem Jahr 1939 ist längst eine Ikone der Fotografie, und auch viele andere ihrer oft ebenso empathischen wie schockierend realistischen Bilder zählen zu den Meisterwerken des Genres – dabei hat Lisette Model (1901-1983) nie eine einschlägige Ausbildung absolviert. Die Autodidaktin aus einer jüdischen Wiener Familie wollte eigentlich Sängerin werden, ehe sie um 1933 die Kamera für sich entdeckte und nach ihrer Emigration zunächst nach Frankreich und 1938 in die USA mit dokumentarischen Serien wie “Promenade Des Anglais“, „Lower East Side“ oder „Sammy’s Bar“ bekannt wurde. Ein Motiv müsse einen treffen wie ein „Schlag in die Magengrube“ lautete ihr Credo, wie oft ihr das mit ihren Aufnahmen gelungen ist, kann man zum einen in diesem großformatigen Katalog und zum anderen bis zum 22. Februar 2026 in der Wiener Albertina und vom 18. März bis 7. Juli 2026 im Kunstfoyer der Versicherungskammer München überprüfen. PM
Damarice Amao u.a.: Lisette Model. 256 S., Prestel Verlag. 49 Euro.
Garten: Die Schönsten
Ein Fest für die Augen! Die Fotografin Sabrina Rothe hat für ihr neues Buch vier besonders schöne Gärten dokumentiert. Mit viel Geduld hat sie ihre Motive ins richtige Licht gesetzt, sodass man auf den großen, doppelseitigen Szenen richtig ins Schwelgen gerät.
Kurze Texte führen in jeden Garten ein, im Anhang erfährt man in knappen Bildunterschriften, welche Pflanzen abgebildet sind.
Nützlich wären noch kleine Grundrisse gewesen, damit man Aufteilung und Zusammenhang der Bäume, Sträucher und Blumen nachvollziehen kann.
Sabrina Rothe: Gärten – Vom Festhalten der Zeit. 156 S., Wienand Verlag 38 Euro.
Wohnen: Die Ideen-Geber
Die Britin Lucy Gough ist keine Innenarchitektin, sondern sie bezeichnet sich als Raumgestalterin, der besonders die kleinen Verschönerungen am Herzen liegen. In ihrem neuen Buch erklärt sie etwa die Sache mit den „Moodboards“, auf denen man Ideen für Farben, Materialien und Strukturen für einen Raum zusammenträgt und so ein Konzept entwickelt. Anhand von vielen Beispielen gibt sie Ratschläge für den Umgang mit Farben: So setzt man leuchtende Farben besser nicht in Räumen wie Schlaf- und Arbeitszimmer ein, da man dort eine ruhige Atmosphäre braucht. Und auch zu Fußböden, kleinen Räumen oder dem Einrichten von Regalen hat sie jede Menge Tipps.
Ein anregendes Buch, das Lust auf hübsche Veränderungen in den eigenen vier Wänden macht.
Lucy Gough: Home Style – Die schönsten Ideen für Dein Zuhause, 224 S., Callwey Verlag, 29,95 Euro.