Lina Beckmann

„Ich glaube, ich bete nicht. Nicht zu Gott! Aber ich bitte und hoffe, und oft höre ich mich im Kopf beten und weiß nur nicht die richtige Adresse zum Abschicken. Vielleicht hört es ja trotzdem jemand oder etwas, oder es fliegt ins Universum und verpufft und kommt als Regen wieder runter!“

Die Schauspielerin Lina Beckmann auf die Frage „Hilft Beten?“ in der Zeit vom 8. April 2020.
Foto: Schauspielhaus Hamburg

Kunst: Goya und andere
Kann ja sein, dass man doch noch eine Chance hat, diesen spannenden Überblick über die Umbruchszeit der europäischen Kunst im 18. Jahrhundert zu sehen. Zur Zeit meint man in der Hamburger Kunsthalle, dass die Ausstellung „Goya, Fragonard, Tiepolo – Die Freiheit der Malerei“ bis zum 30. Mai verlängert werden kann.
Sollte es dann doch nicht gehen, weil Corona alle Museumsbesuche verhindert, so ist der ausführliche Katalog ein guter Ersatz. Neben ausgezeichneten Abbildungen der Gemälde hat die Herausgeberin Sandra Pisot viele renommierte Autoren zu Themen wie den unterschiedlichen Bildsprachen der drei Maler, der Freiheit ihrer Zeichenkunst, dem Reiz des Skizzenhaften und anderen Aspekten zu Wort kommen lassen.

Sandra Pisot: Goya, Fragonard, Tiepolo – Die Freiheit der Malerei, 336 S., 316 Abb. Hirmer, 45 Euro

Roman: Wiener G’schichten

Lorenz Prischinger und seine drei Tanten haben ein bewegtes Leben erst im Waldviertel, dann in Wien. Als Onkel Willi, der Mann von Tante Hedi, plötzlich stirbt, begeben sich Lorenz und seine Tanten auf eine abenteuerliche Reise mit der tiefgefrorenen Leiche, denn der Onkel wollte unbedingt in seiner montenegrischen Heimat bestattet werden. Klingt morbide – aber welch ein Spaß!

Vea Kaiser: Rückwärtswalzer, Roman, Kiepenheuer & Witsch, 22 Euro

 

Film: Sittenbild

Sind Sie Downtown-Abbey-Fan? Dann mögen Sie bestimmt auch „Middlemarch“, die facettenreiche Geschichte eines kleinen Provinzstädtchens im England des 19. Jahrhunderts. Verfasst hat sie die Autorin Marie Ann Evans unter dem Pseudonym George Eliot, um die bornierte Klassengesellschaft ihrer Zeit und besonders die Benachteiligung der Frauen zu kritisieren. 2015 wählten internationale Literaturkritiker „Middlemarch“ zum bedeutendsten englischen Roman. Die kurzweilige BBC-Verfilmung in sieben Teilen (auf drei DVDs) ist zwar schon gut zweieinhalb Jahrzehnte alt, aber dank so vorzüglicher Schauspieler wie Juliet Aubrey in der Hauptrolle immer noch sehenswert.
Middlemarch, DVD, Weltbild, 15,99 Euro.
Fotos: Verlage

Solidarität
In Hamburg gibt es am 12. Mai ein Solidaritätsfestival im Literaturzelt unter dem Motto: Keiner kommt, alle machen mit!  So sollen Spenden gesammelt werden (Nicht-Eintritt 22 Euro) für die Kulturschaffenden der Hansestadt.
Malerisch
Der auf Kunst, Architektur und Fotografie spezialisierte Verlag Hatje Cantz erzählt auf einer neuen Website www.art-on-the-beat.com digitale Geschichten rund um Bücher und Ausstellungen. So gibt es den Trailer zu Wim Wenders’ Film zu sehen, den er zur großen Edward-Hopper-Ausstellung der Fondation Beyeler produziert hat, und eine Führung durch die Retrospektive mit Kurator Ulf Küster. Außerdem kann man ein Gespräch der Kuratoren zum Konzept der Wiener Beethoven-Ausstellung hören.
Für Kids
Das Schlösserland Sachsen bietet auf seiner Homepage  jetzt einen Malwettbewerb zum Kinderbuch „Kater Arthur von Schloss Rochsburg“, eine Sofatour durchs Schlösserland und eine Schatzsuche in der Albrechtsburg an.
Verlängerung
Dem Museum Stade  ist es gelungen, die Ausstellung „Jeanne Mammen. Alles zu ihrer Zeit“ bis zum 30. August zu verlängern. Hoffentlich kann man die Bilder dieser lange Zeit zu Unrecht vergessenen Berliner Malerin (1890-1976) bis dahin wirklich sehen.
Sehnsucht
Wer es nur schwer aushalten kann, dass er zur Zeit Wien nicht besuchen darf, dem seien die besten Wien-Filme ans Herz gelegt: „Before Sunrise“ zu Beispiel, in dem Julie Delpy und Ethan Hawke 1995 verliebt durch die Donau-Metropole schlendern. Orson Welles’ „Dritter Mann“ natürlich, der im Nachkriegs-Wien durch die Kanalisation hetzt. Oder „Die Frau in Gold“, dem Film um Gustav Klimts Gemälde „Die goldene Adele“, das einst von den Nazis beschlagnahmt und erst nach vielen Mühen den Erben zurückgegeben wurde.
Mehr Vorschläge gibt es auf www.wien.info/de/lifestyle-szene/wien-filme

Früher die große Ausnahme, heute ganz alltäglich: Arbeiten zuhause. Damit das auch in kleinen Wohnungen problemlos geht, hat die Berliner Firma Ambivalenz ihr Klappmöbelsystem „Fläpps“ entwickelt. Flache Paneele werden an die Wand geschraubt und zu Regal oder Schreibplatte ausgeklappt, dazu gibt es einen passenden Stuhl.
Die legendäre Firma Thonet hat mit dem filigranen Schreibtisch „S 1200“ aus Stahlrohr ein Designobjekt herausgebracht, das bereits jetzt das Potential zum Klassiker hat und bereits mit mehreren Designpreisen ausgezeichnet wurde.
Mehr Skulptur als Arbeitstisch ist „Mass“, das neue Objekt aus Mangoholz mit Messingverkleidung von Tom Dixon. Der Tisch ist sehr massiv und wirkt durch die glänzende Oberfläche gleichzeitig ausgesprochen edel. So holt man sich bestimmt das Chef-Feeling nach Hause!
Schick darf es natürlich auch gern auf dem Tisch zugehen, zum Beispiel mit den berühmten bunten Streifen des Designers Paul Smith auf auf dem Kugelschreiber „849“ von Caran d’Ache . Schon die Verpackung kann sich sehen lassen!
Für fröhliche Unterbrechung bei der harten Arbeit sorgen ganz bestimmt die Schalentiere der Porzellandesignerin Laura Strasser , die ihre Müslischalen mit herrlichen Phantasietieren bemalt hat: Zur Wahl stehen das Goldspätzchen, der Elegock oder der Flederfisch!

Fläpps

Thonet

Mass

Caran d’Ache

Der Palmohrhase

Unser Autor

Meldungen aus einem kleinen Land
Peter Meleghy berichtet aus Ungarn

Er lebt in Hamburg und Budapest und betreibt die Webseite www.ungarnaktuell.de , außerdem die beiden Literaturseiten www.phantastisch-realistische-literatur.de und www.ein-oscar-fuer-hitler.com 

Mein letztes, zauberhaftes Vor-Corona-Osterfest

Im Frühjahr 2019 wurde ich von meiner Freundin Eszter, Journalistin, zum Osterfest in ihr Geburtsdorf eingeladen. Es liegt in den bewaldeten Hügeln Nordungarns, wo ihre Eltern, hochbetagt und gesund, immer noch leben.
Ostersonntag, sonnig und warm. Eine Gruppe von Dorfjungen, um die sechzehn, siebzehn, ist festlich gekleidet. Sie tragen schneeweiße Leinenhemden mit breiten Ärmeln, enge schwarze Hosen und schwarzglänzende Stiefel. In den Händen je ein kleiner Eimer mit warmem Wasser und einen Zweig mit Weidenkätzchen.
So gehen sie in Gruppen zu den etwa gleichaltrigen Mädchen, die in weißen Blusen und bunt bestickten Röcken, dazu roten Stiefelchen vor dem hell-gekalkten, ebenerdigen Elternhaus eines der Mädchen auf sie warten: flüsternd, kichernd, lachend, gespannt – sie wissen ja, was folgt und auch um die archaische Bedeutung des Rituals.

Ich, der einzige Fremde, sitze mit Eszter, die versprochen hat, mir das Geschehen zu interpretieren, auf einer Bank unter einer alten Platane – und bin gespannt.

Die Jungs machen die Mädchen nass

Und da kommen schon lärmend die Jungs und beginnen, nach einer fröhlich-lauten Begrüßung, die Mädchen großzügig mit Wasser zu bespritzen. Die laufen durcheinander, als wollten sie flüchten, wüssten aber nicht wohin, ihre hellen Schreie schallen durchs ganze Dorf. Dabei versuchen sie kaum ihre Busen zu bedecken, die sich unter den nassen Blusen verführerisch abzeichnen, besonders die „Brustknospen“ (ungarisch für „Brustwarze“). All dies dauert etwa fünf, sechs Minuten. Anschließend laufen die Mädchen ins Haus, und die Jungs singen ein fröhliches Dankeslied auf die Quelle der ersten Mahlzeit eines jeden Menschen auf Erden und auf die nährenden Mütter.
Kurz darauf kommen die Mädchen in neuen, hellen, luftig–dünnen Kleidchen wieder, jedes mit einem Korb roter Eier. Dazu meine Expertin: „Ein Ei, um mich zu befruchten – und rot wie meine Wangen bei der Liebe“.
Dafür überreichen ihnen die Jungs die Weidekätzchen mit den kleinen behaarten Bällchen – als Zeichen: „Wie gern würde ich dich befruchten, göttliche Geliebte!“
Schließlich noch ein fröhliches Lied über den Frühling, von allen zusammen, etwa 20 Menschen – und es geht in den Garten von Eszters Geburtshaus mit den langen, weiß gedeckten Tischen, zum traditionellen Ostermahl: Fischsuppe mit Bauernbrot, dazu ein leichter Weißwein, anschließend Eiernudeln mit Quark, getrockneten Aprikosen und Honig. Die Fische kommen aus dem Wildbach, der durch das Dorf fließt, alles andere aus der eigenen Hauswirtschaft.
Ich sitze zwischen Eszter und ihrer Mutter, die kurz vor Beginn der Mahlzeit aufsteht und sagt: „Wir heidnischen Ungarn essen das Lamm des christlichen Gottes, deren Priester unsere fröhlichen Osterfeste des neuen Lebens mit Mord und Blut beschmutzt haben – nicht! Dafür schicken wir einen Handkuss an die himmlische Mondgöttin, die alt-germanische Ostara.“

In einigen ländlichen Gemeinden Ungarns feiert man Ostern immer noch so, oder so ähnlich. In der Stadt ist davon nur das Besprühen der Mädchen und Tanten in der Verwandtschaft mit Kölnischwasser geblieben, als Privileg der ganz kleinen Jungs. Und dies, ohne dass irgendjemand von den Beteiligten die ursprüngliche Bedeutung des Festes auch nur ahnen würde.

Schließlich ein Geschenk an alle deutschsprechenden Frauen:

Ich, Ihr Autor, empfehle, das Wort „Brustwarze“ nicht mehr zu benutzen. Dafür biete ich die deutsche Übersetzung des ungarischen Wortes – mellbimbó – Brustknospe an.

Bedenken Sie, verehrte Leserin, verehrter Leser bitte: Eine Warze ist eine, wenn auch harmlose, Hauterkrankung. Das Wort „Brustwarze“, durch die jedes Neugeborene die erste Nahrung zu sich nimmt, ist nicht nur unappetitlich. Es ist unästhetisch und geradezu beleidigend für jede Frau.

Eine Knospe dagegen ist hübsch und birgt gerade die passenden Begriffe Wachsen, Werden und Zukunft in sich. Somit ist Brustknospe das beste Mundstück für die beste Baby-Nahrung der Welt.

Mit Verehrung und ungarischem Handkuss
Ihr Péter Pál Meleghy
(Entnommen meinem neuen Buch: Die urzeitlichen Göttinnen leben. In jeder Frau. Und sie lassen uns täglich grüßen.)

Im Flur hängen fünf Gemälde des Malers Johann Heinrich Wilhelm Tischbein (1751 bis 1829), genannt Goethe-Tischbein, im Raum daneben findet man ein Stillleben, das Katharina die Große zur Entspannung gemalt hat, und in der Kapelle steckt die heutige Orgel in einem von Arp Schnitger 1693 geschaffenen Gehäuse. Wo es das gibt? In Moskau? Oder Weimar? Keineswegs, das alles findet man im Schloss der kleinen Kreisstadt Eutin in Schleswig- Holstein.

Das Eutiner Schloss

Das Wasserschloss hat eine lange wechselvolle Geschichte, zuerst erwähnt wurde ein Haus an diesem Platz direkt am See im Jahre 1156. In den nächsten Jahrhunderten entstanden mehr Häuser, die allmählich zu einer Burg mit einem Zaun umschlossen wurden. 1689 brannte der Komplex ab und wurde dann als Schloss mit Festsaal, Wohnräumen, Kapelle und Kachelöfen wieder aufgebaut. Und so kann man den schönen Bau nach Ende der Corona-Zeit hoffentlich bald wieder besichtigen. Aber der wunderbare Park mit Küchengarten, imposanter Lindenallee und Orangerie darf weiterhin besucht werden.

Oper und Musical auf der Freilichtbühne

Von dort gelangt man auch zur Seebühne, auf der normalerweise die Eutiner Festspiele  stattfinden, die aber für dieses Jahr selbstverständlich abgesagt wurden. Seit 1951 spielt man hier sehr erfolgreich Opern und Musicals. Die Idee hatte einst der Musikdirektor der kleinen Stadt Andreas Hofmeier, der den in Eutin geborenen Komponisten Carl Maria von Weber mit zwei Aufführungen seiner bekanntesten Oper „Der Freischütz“ ehren wollte. Das kam so gut an, dass daraus neun Aufführungen und schließlich die Eutiner Festspiele wurden.

Unweit des Schlosses legt der Ausflugsdampfer „Freischütz“  zu seinem einstündigen Törn über den großen Eutiner See ab, dabei fährt man vorbei an der Fasaneninsel, auf der es von ca 900 bis 1138 eine wendische Burg und natürlich auch mal eine Fasanerie gab, an der Liebesinsel, auf der viele Seevögel brüten, und am Vogelschutzgebiet Seescharwald, das über eine Fußgängerbrücke mit der Innenstadt verbunden ist.

Einkehren auf dem Marktplatz

Zurück am Anleger schlendert man in knapp zehn Minuten bis zum Eutiner Marktplatz, auf dem mittwochs und samstags ein Wochenmarkt mit regionalen Produkten stattfindet. Hier steht auch das Brauhaus Eutin  in dem seit dem 17. Jahrhundert das Michaelis Bier gebraut und ausgeschenkt wird. Aber das gibt es derzeit natürlich ebenso wenig wie die deftigen norddeutschen Küchenklassiker Matjes und Backfisch.
Und auch die feinere Schlossküche ist geschlossen, wo derzeit eigentlich Spargel mit Holsteiner Katenschinken und Liensfelder Kartoffeln serviert werden sollten. Hoffentlich können wir hier bald wieder einkehren!

Fotos: Museen SH/Holsteiner Hof/VG Eutin-Süsel/CO

Das Virus ändert alles. Natürlich auch KuNo, denn sollen wir ein Hotel empfehlen, wenn keiner verreist? Sicher nicht. Oder einen Spaziergang in einer Stadt vorschlagen, die man wohl länger nicht besuchen kann? Natürlich nicht. Es ist einfach unglaublich wichtig, dass wir alle eine Weile zuhause bleiben. Deshalb stellen wir auch keine Ausstellung vor, die ja gar keiner anschauen kann, weil alle Museen geschlossen sind.
Also haben wir KuNo völlig geändert und berichten nur über Aktivitäten, die das Leben zuhause schöner machen, über Bücher und Filme und über virtuelle Museumsrundgänge.
Nur unser Kolumnist Peter Meleghy berichtet wie immer aus Budapest, diesmal natürlich über das Leben mit dem Virus.

Der Präsident der USA 1961 – 1963

„Es gibt nur eins, was auf Dauer teurer ist als Bildung: Keine Bildung.“

…meinte John F. Kennedy (1917 bis 1963), von 1961 bis 1963 Präsident der USA. Zitiert in der Zeit vom 23. Januar 2020.
Foto: wikipedia

Cartoon:

Peter Butschkow fährt jetzt E-Bike, und das hat sein Leben ziemlich verändert. Früher strampelte er fröhlich in Hemd und Hose durch die Landschaft, heute braucht er Funktionsklamotten, Knie- und Ellbogenschoner und natürlich einen Helm. Der Hintern tut trotzdem immer noch weh, auch wenn er sein Rad heute nur noch Bike nennt. Unser Lieblingscartoonist hat aus seinen Erfahrungen ein lustiges Büchlein gemacht, mit amüsanten Texten und natürlich gewohnt witzigen Cartoons.
Peter Butschkow: Überleben auf dem E-Bike, 62 S., 9,90 Euro, Lappen Verlag 

Kunst:

Farbenrausch

Auch wenn es in Zeiten von Corona vielleicht ein bisschen frivol klingt – aber es gibt sie, die Kunst der Lebenslust. Und einer ihrer Großmeister ist – kein Zweifel – Pierre Bonnard. Mit stiller Beharrlichkeit hat der 1867 in der Nähe von Paris geborene Beamtensohn im Laufe der Jahrzehnte immer wieder die gleichen Motive auf die Leinwand gebracht: selbstvergessene Badende (für die ihm seine Frau Marthe oft das Modell war), blühende Landschaften, kreuzende Segelboote. Lange als Darsteller einer oberflächlichen Harmonie verspottet, gilt er heute nicht zuletzt dank seiner eigenwilligen Farbgebung als Virtuose der Moderne. Im Wiener Kunstforum war 2019 eine eindrucksvolle Bonnard-Retrospektive zu sehen, der Katalog rekapituliert das Ereignis aufs Schönste. PM.

Pierre Bonnard. Die Farbe der Erinnerung. 240 S., 200 farbige Abb. Hirmer.
34,90 Euro

Bildgewalt

Die Gerhard-Richter-Schau im New Yorker Met Breuer, einer Dependance des Metropolitan Museum, war für dieses Jahr als eine der „Must-See“ Ausstellungen angekündigt. Zehn Tage nach der Eröffnung Anfang März wurde das Haus wegen der Corona-Krise geschlossen und die „Richter-Tour de Force“, wie Direktor Max Hollein es nannte, zum kürzesten Blockbuster aller Zeiten. Bei diesem Künstler geht es offenbar nicht ohne Superlative – in der Gegenwartskunst gilt der 88-Jährige als der vielseitigste, auf dem Kunstmarkt als der teuerste lebende Maler.

Welch komplexe Spannbreite sein Werk über sechs Jahrzehnte entfaltet, zeichnet nun ein neues grandioses Buch-Opus nach. Armin Zweite, langjähriger Chef der Kunstsammlungen Nordrhein-Westfalen und Wegbegleiter von Richter, hat das zurückhaltend gestaltete Konvolut wissenschaftlich betreut, die Texte verfasst und gemeinsam mit dem Künstler die Bildauswahl getroffen. Nun kann man über rund 480 Seiten verfolgen, wie sich Richters Technik, Stil und Motive über sechs Jahrzehnte wandelten, von Fotorealismus über Monochromie zu Concept Art oder expressiver Abstraktion. Entstanden ist dabei ein knapp vier Kilo schwerer Wälzer, der zu den faszinierendsten Kunstbüchern der Saison zählt. UvS

Gerhard Richter, Armin Zweite:. Das Denken ist beim Malen das Malen, Gerhard Richter Leben und Werk, 480 S., 419 Abb. 128 Euro, Schirmer/Mosel

Sachbuch:

Vorfreude

Natürlich ist es jetzt keine Zeit für einen Barbesuch, die sind ja eh alle geschlossen. Aber träumen kann man doch schon von dem ersten Drink nach der Krise. Wer also mal ein wenig vorschmecken möchte, dem sei das Buch mit den 150 schönsten Bars der Welt empfohlen. Mit dabei sind El Florida in Havanna, Flying Dutchman in Amsterdam, Apotheke in Barcelona, the American Bar in London, Dirty Dick in Paris, Bar Benfiddich in Tokio und natürlich Harry’s Bar in Venedig. Jeder Trinkpalast wird im Bild gezeigt (meist ohne Besucher), dazu gibt es einen kurzen Text zur Entstehung, die Adresse und eine Begründung, warum die Bar unbedingt einen Besuch wert ist. In Deutschland werden u.a. Le Lion Bar de Paris in Hamburg und Schumann’s in München vorgestellt. Gratis dazu gibt’s einige leckere Cocktail-Rezepte.

Juren Lijcops: 150 Bars, die man gesehen haben sollte. 256 Seiten, Gerstenberg. 26 Euro

Gartenlust

David Wheeler, der Erfinder und langjährige Chefredakteur des britischen Gartenheftes Hortus (erscheint seit 1987), hat für sein hübsches Buch die schönsten Geschichten seines Magazins aus den Jahren 2006 bis 2014 zusammengestellt. Da erzählt Isabelle von Groeningen von ihrem Neu-Aufbau der Königlichen Gartenakademie in Berlin und die Journalistin Karin Kerin von einem phantastischen Dachgarten in Manhattan. Der im letzten Jahr verstorbene britische Rosenfachmann David Austin berichtet davon, wie er versuchte, das „Wesen der Rose“ in seinen Züchtungen sichtbar zu machen, und aus der Toskana erfährt man: Einen Olivenhain kauft man nicht, man dient ihm.
Ein wundervolles kleines Buch, das Lust auf die eigene Gartenidylle macht.

David Wheeler (hrsg.): Gartenlektüre – Neue Geschichten englischer Gartenenthusiasten 250 Seiten, Prestel, 20 Euro

Belletristik

Verstörend

Die Geschichte zweier Schwestern, die sich nie kennenlernen, beginnt im 18. Jahrhundert in Ghana. Die eine wird als Sklavin nach Amerika verkauft, die andere heiratet einen englischen Sklavenhändler. Die Schicksale ihrer Nachkommen erzählt die in Ghana geborene, in New York lebende Autorin Yak Gyasi packend und kraftvoll, atemlos folgt man auch den grausamen Bestrafungen, der schrecklichen Lebenssituation der Farbigen nicht nur zu Zeiten des Sklavenhandels. Das Buch endet in der Gegenwart, wenn Marjorie und Marcus, Nachkommen je einer Schwester, nach Ghana heimkehren.
Das erste Buch der Autorin stand wochenlang auf den Bestsellerlisten der USA und wurde in 20 Sprachen übersetzt.
Wir wünschen ihm noch viele, viele Leser.

Yak Gyasi: Heimkehren 410 Seiten, Dumont. 22 Euro

Mediathek + DVD

Unsere wunderbaren Jahre

Unsere wunderbaren Jahre waren nicht nur wunderbar

Nachkriegszeit in Altena, der „Stadt des Drahtes“ im Sauerland. Dort werden die drei Töchter des Unternehmers Eduard Wolf erwachsen und durchleben ihre ersten Lieben, ihre Berufswege mit vielen Umwegen, ihre großen und kleinen Verluste, ihre moralischen Entwicklungen. Mit großartigen Schauspielern wie Katja Riemann und Anna Maria Mühe hat Regisseur Elmar Fischer den Roman von Peter Prange in eindrucksvolle Bilder umgesetzt und dabei besonders auf die Ausstattung geachtet: die Autos und die Mode jener Zeit oder die Einrichtung der Villen. Kleine Betulichkeiten und kitschige Momente sind da gut zu verschmerzen.
Noch bis 23. Juni können Sie in der ARD-Mediathek den Dreiteiler (in der Mediathek als 6-Teiler) „Unsere wunderbaren Jahre“ anschauen und dabei die Corona-Krise fast vergessen.

Peter Hase DVD

Peter Hase ist nicht so harmlos wie er hier aussieht

Die Ostertage sind ideal, um sich mit der ganzen Familie diesen reizenden Film anzuschauen, der nach dem Kultbuch „Peter Rabbit“ der englischen Kinderbuchautorin Beatrix Potter aus dem Jahre 1902 entstanden ist. Die Verfilmung von 2018 ist eine Mischung aus Animation- und Realfilm: der gezeichnete Peter Hase, seine drei Schwestern Flopsi, Mopsi und Wuschelpuschel und sein Cousin Benjamin agieren mit realen Menschen. Ein wunderbarer Spaß voller frecher Hasenstreiche, der im Spätsommer mit Teil 2 fortgesetzt wird.

Klar, alle Museen sind geschlossen, aber trotzdem kann man Kunst genießen, denn viele Häuser haben virtuelle Rundgänge ins Netz gestellt, z.B.:
Das Natural History of Washington , das Rijksmuseum Amsterdam, das
Guggenheim Bilbao und das Belvedere Wien

Das British Museum in London, das Guggenheim New York, die National Gallery of Art in Washington, das Musée d’Orsay in Paris, das National Museum of Modern and Contemporary Art in Seoul, das Pergamon Museum in Berlin, das Van Gogh Museum in Amsterdam, das Getty Museum in Los Angeles, die Uffizien in Florenz und das National Museum of Anthropologie in Mexiko City haben ihren virtuellen Auftritt gebündelt unter dem Link: bit.ly/38OUhUY
Auf dem Sofa ins Museum ist doch auch nicht so schlecht.

Unser Autor

Peter Meleghy berichtet aus Ungarn

Er lebt in Hamburg und Budapest und betreibt die Webseite www.ungarnaktuell.de , außerdem die beiden Literaturseiten www.phantastisch-realistische-literatur.de und www.ein-oscar-fuer-hitler.com 

Corona in Ungarn

Die Zahlen: Zurzeit sind 300 Menschen infiziert (Stand 27.3.2020). Die verhältnismäßig niedrige Zahl liegt vermutlich daran, dass der Nachweis bisher nur an wenigen Stellen möglich war. 1.500 Bürger sind in Quarantäne, zehn erkrankte sind gestorben und 34 genesen.

Fiebermessung in Budapest

Die Regierung war anfangs unsicher, zögerlich, hat die Epidemiologen aber erstmal nicht gefragt. So waren die vielen Thermalbäder noch Wochen nach den ersten Erkrankungen geöffnet. Seit dem 16. März sind sie endlich geschlossen, genau wie alle Kinos, Theater, Museen, Einkaufszentren und Geschäfte, außer Lebensmittelläden und Apotheken. Schulen und Kindergärten wurden ebenfalls geschlossen, was ein anderes Problem birgt: Kinder erkranken auch am Virus, ohne es zu merken und ohne Symptome zu zeigen. Dafür können sie andere, zumal die Großeltern, anstecken.
Und leider funktioniert der digitale Unterricht in Ungarn noch nicht so wie etwa in Dänemark, von wo eine ungarisch-stämmige Hörerin im Klubradio berichtete: Ihr kleiner Sohn sitzt vor seinem Laptop am Esstisch, folgt dem Schulunterricht mit dem bekannten netten Lehrer und amüsiert sich über das lustige kleine Lehrfilmchen.
Gestern war ich kurz im gut besuchten „DM“, meiner Wohnung gegenüber, und sah entsetzt, dass die Bediensteten keine Schutzmasken trugen. Die seien seit Januar ausverkauft, sagte mir eine von ihnen. Im „Spar“ nebenan auch kein Schutz. Ich trage auf Anraten meiner Hausärztin, wenn ich aus dem Haus gehe, einen dicken schwarzen Schal um Hals und Gesicht, der auch meine Nase bedeckt. Aber mittlerweile bleibe ich fast durchweg daheim: Eine hübsche 16-jährige Nachbarin hat sich bereit erklärt, für mich einzukaufen.
Zur Unterhaltung der vielen Menschen in ihren Wohnungen gibt es einige „Quarantäne-Theater“ im Internet. Zu sehen ist etwa „Die Pest“ von Albert Camus. Nebenan läuft ein Rap-Musical: „Händewaschen!“ Darin kämpft ein Arzt gegen tanzende Viren. Dabei verschwindet der Weißkittel immer wieder, um die Hände zu waschen – während sich die Viren fleißig vermehren. Lustig oder?

Sprechende Statistik
Durch die Corona-Krise können weltweit große und kleine Firmen nicht arbeiten. Passagier- und Warentransport-Flugzeuge fliegen nicht, Schiffe fahren nicht. Dadurch hat sich die weltweite Luftverschmutzung signifikant vermindert. 
Wie die Statistiken zeigen, war die Zahl der Menschen, die in den letzten Monaten an den Auswirkungen der Luftverschmutzung starben, wesentlich niedriger als sonst. Und die Zahl ist auch niedriger als die der Opfer des Corona-Virus. 
Ob sich die Entscheider dies bis nach der Epidemie merken können? Vermutlich nein.  

Das Letzte aus Ungarn
Orbán will die totale Macht, und das Corona-Virus bietet ihm eine Möglichkeit dazu. Er kann während des Ausnahmezustands jedes Gesetz per Verordnung durchbringen. Als Übung hat er schon mal Soldaten zu Firmen geschickt – die ihm gefielen oder auch nicht. Sie sollten nur nachschauen, ob alles in Ordnung sei.
Über das Gesetz zur Verlängerung des Ausnahmezustandes auf unbestimmte Zeit hat das Parlament am 23. März abgestimmt. Zu Orbáns Bedauern wurde die vorgeschriebene vier Fünftel Mehrheit nicht erreicht. Die Opposition stimmte geschlossen dagegen. Bei der Wiederholung am 30. März reichte eine Zwei-Drittel-Mehrheit zur Annahme. Die hatte Orbáns Partei und das kann gefährlich werden.

„Ein Lächeln ist die kürzeste Entfernung zwischen Menschen“

…meinte der Musiker, Schauspieler und Humorist Victor Borge (1909 bis 2000), der eigentlich Borge Rosenbaum hieß und sich selbst als bekanntesten Dänen seit Hamlet bezeichnete.
Foto: wikipedia

Peter Butschkow, der Berliner Zeichner, lebt und arbeitet in Nordfriesland und hat schon weit mehr als 2 Millionen Bücher, Kalender und unzählige Postkarten verkauft. Dre Abdruck ist kostenpflichtig. www.butschkow.de

Altes Kasino – Hotel am See, Neuruppin, Brandenburg

Terrasse am See

Direkt am Ruppiner See, der mit 14 km Ausdehnung der längste Brandenburgs ist, liegt das Hotel. Und das seit gut 125 Jahren: 1894 eröffnete das Gasthaus am See, das alte Fachwerkhaus musste allerdings 1972 abgerissen werden. 1993 entstand ein Neubau mit Hotel und Gastronomie, zur Zeit wird das Haus saniert, um am 1.3.2020 in ganz neuem Glanz wieder zu eröffnen.
Am schönsten sitzt man natürlich auf der Terrasse mit Blick auf den See, aber auch der Wintergarten ist einladend. Die 21 Zimmer sind freundlich eingerichtet, die meisten haben Balkon oder Terrasse.
Und im Restaurant gibt es abends Lokales: geschmorte Hirschkeule oder Eglifilet, dazu einen Märkischen Landmann (ein Schwarzbier) oder Fontanes Kastanienlikör.
DZ ab ca. 92 Euro. Foto: Altes Kasino