Die Industrie schafft die Gebrauchsgegenstände des Leibes, die Kunst die Gebrauchsgegenstände der Seele.“

Der Maler Oskar Schlemmer (1888 bis 1943) zitiert in der Ausstellung „Oskar Schlemmer“ im von der Heydt Museum in Wuppertal..
Foto: wikipedia

Peter Butschkow, der Berliner Zeichner, lebt und arbeitet in Nordfriesland und hat schon weit mehr als 2 Millioen Bücher, Kalender und unzählige Postkarten verkauft.

Cartoon-Abdruck kostenpflichtig www.butschkow.de

Fährhaus Niederkleveez

Hotel mit Fähranleger

Ein Hotel mit eigenem Schiffsanleger hat man ja doch eher selten. Hier gibt es ihn: An der Station Niederkleveez kann man ein Schiff zur 5-Seen-Fahrt in der Holsteinischen Schweiz besteigen. In knapp zwei Stunden schippert man gemütlich über Dieksee, Langende, Behlersee, Höfe und Edebergsee. Und dann hat man sein Hotelzimmer direkt am Anleger und davor einen schönen Garten mit Strandkörben. Die Zimmer sind komfortabel, zum Teil mit Balkonen zum See, das Frühstück ist üppig, und abends lädt das Restaurant zu regionalen Spezialitäten: Dorsch, Matjes oder Sauerfleisch.
DZ ab ca. 84 Euro Foto: CO

Die Kunst der Welt

Über die Kunst dieser Welt und ihre lange Geschichte sind schon etliche Darstellungen geschrieben worden – jetzt haben diese Bücher eine im wahrsten Sinne des Wortes gewichtige Konkurrenz bekommen. Satte 3 Kilogramm wiegt der neue 26 mal 31 Zentimeter messende Wälzer mit seinen 612 Seiten, und das ist durchaus angemessen bei einer rund 30000-jährigen Historie. Von vorgeschichtlichen Höhlenmalereien über die Meisterwerke der Pharaonen, die Kunst der Griechen und Römer reicht das gewaltige Panorama weiter über Renaissance und Barock bis in die Gegenwart, und wenn frühere Darstellungen oft allzu europalastig waren, so trifft das auf dieses üppig bebilderte Kompendium nicht zu: Der Blick geht rund um den Globus. Ob alles stimmt, lässt sich natürlich auch nach der zweiten und dritten Lektüre nicht zuverlässig sagen, aber dass so gut wie (fast) alles drin ist, kann man getrost bestätigen.

Andrew Graham- Dixon (hrsg.): Art. Die visuelle Geschichte. 612 S., über 3000 Abb. Dorling Kindersley. 49,95 Euro Foto: Dorling Kindersley


Kurze Karriere

Er wurde nur 27 Jahre alt und starb 1988 an seiner Drogensucht, die zu bekämpfen er gerade beschlossen hatte. Der afroamerikanische Maler, Zeichner und Grafitti-Künstler Jean-Michel Basquiat hat als erster Schwarzer eine atemberaubende Karriere im Kunstmarkt hingelegt. Er arbeitete mit Andy Warhol und Keith Haring, mit Salvador Dali und Joseph Beuys zusammen und hatte schon früh Einzelausstellungen in New York, Tokio, in Paris und Hannover. 1982 war er der jüngste Teilnehmer der Documenta in Kassel.
Der Hirmer Verlag hat nun einen ganzen Band seinen Selbstportraits gewidmet und die aufregenden Bilder ergänzt um großformatige Fotos des Künstlers und einige informative Texte.
Der italienische Illustrator Paolo Parisi erzählt das kurze, ereignisreiche Leben Basquiats in einer bunten Graphic Novel. Die leuchtenden Farben, sagt Parisi, hat er direkt aus den Bildern des viel zu früh Verstorbenen übernommen.

Dieter Burchhart, Anna Karina Hofbauer: Basquiat by Himself, 184 S., Hirmer Verlag 39,95 Euro.

Paolo Parisi: Basquiat – A graphic Novel, 128 S., Laurence King, 14,95 Euro Fotos: Hirmer/Laurence King

 

Zu Messen geht man, um zu sehen, was den Designern eingefallen ist, was gibt es Neues, was bietet die Industrie, was ist im Trend. Das ist bei Möbeln nicht anders als in der Mode. Im Januar versammelte sich deshalb wieder die gesamte Branche in Köln zur Internationalen Möbelmesse.
Natürlich ist der Klimawandel auch an ihr nicht vorbei gegangen, deshalb war in Köln Recycling, Upcycling und Nachhaltigkeit ein allgegenwärtiges Thema. Kunststoff ist also nicht mehr so beliebt, Holz ist weiter das bevorzugte Material – und natürlich gibt es immer weiter große Esstische in jeder Form. Sessel und Sofas sind gern mit Samt bezogen, lassen sich mit Longchairs, Regalen und Tischen erweitern und haben runde, hochgezogene Rückenlehnen. Nebenher konnte man aber auch auf kleinen, gepolsterten Bänken und Hockern probesitzen. Das vom Institut Pantone zur Farbe des Jahres erklärte satte Blau war eher selten zu sehen. Aber den Garten und die Terrasse haben jetzt viele Hersteller als zusätzlichen Raum entdeckt und bieten dafür Geflechtmöbel aus Rattan oder Metall an.
Ganz neu war der große Stand der Zeitschrift SCHÖNER WOHNEN, die ihre eigene Möbelkollektion vorstellte: Solide ohne viel Schnickschnack, zeitlos und unspektakulär.

Schauen Sie, was wir mitgebracht haben (von links nach rechts):
1. „Vuelta“ von Wittmann 2.  „Playtime“ von Wittmann 3. „Vegas“ von Maries Corner 4. Sofa „Floater“, Bank und Hocker „Drop“ von Cor 5. „Hemicycle“ von Ligne Roset 6. „Peacock von Cane Line 7. „Komodo“ von Nardi 8. „Trampoline“ von Cassina 9. „La Festa delle Farfalle“ von Ingo Maurer Fotos: Hersteller/Co

Vuelta

Playtime

Vegas

Drop und Floater

Hemicycle

Peacock

Komodo

Trampoline

La Festa delle Farfalle

Unser Autor

Unser Kolumnist, der Ungar Péter Pál Meleghy, ist Autor vieler Reiseführer und Kochbücher und schreibt für verschiedene deutsche Zeitschriften. Er lebt in Hamburg und Budapest und betreibt die Website www.ungarnaktuell.de, außerdem die beiden Literaturseiten www.phantastisch-realistische-literatur.de und www.ein-oscar-fuer-hitler.com

                                                         Der Kampf tobt

Begonnen hat er im Herbst vergangenen Jahres. Während der landesweiten Kommunalwahlen haben sich die neun Oppositionsparteien zusammengerauft: Die jeweils eigenen Kandidaten sind im Rennen um den Bürgermeisterposten zugunsten der aussichtsreichsten Mitbewerber einer anderen  Oppositionspartei zurückgetreten. Der Erfolg war für alle überraschend. In den meisten Gemeinden siegte die Opposition. Besonders wichtig war und ist Budapest, wo der junge Politiker der Partei DIALOG Gergely Karácsony (Bedeutung des Nachnamens: „Weihnachten“) zum Oberbürgermeister gewählt wurde. Er hat sogleich sein Veto gegen einen Stadionbau eingelegt und auch gegen die Einrichtung eines Museumsviertels im ältesten öffentlichen Park Europas – mitten in Budapest.
Viktor Orbán war und ist immer noch schockiert. Seine gewohnte Weihnachtsrede hat er nicht vor dem Parlament gehalten, sondern in der eher kleinen Musikakademie – vor geladenen Gästen.
Zwar kann der Ministerpräsident weiter so gut wie jedes Gesetz mit seiner Zwei-Drittel-Mehrheit durchs Parlament bringen. Trotzdem: Es gibt eine gewisse Wende im Land. Die Menschen waren daran gewöhnt, dass der jeweilige erste Mann des Städtchens aus Orbáns Gnaden befiehlt, stiehlt und stehlen lässt. So taten es auch die meisten Bürger, die es konnten. Das hat sich geändert. Man müsste sich schämen, sagt man – ein neues Gefühl. Die neuen Bürgermeister räumen inzwischen die übelriechenden Hinterlassenschaften ihrer Vorgänger weg – höre ich gerade im Radio.  

Roma-Kinder in Ungarn

Selbst das oberste Gericht fällt erfreuliche, neuartige Urteile. So im Fall der ausgegrenzten Roma-Kinder in Gyöngyöspata, Ostungarn: Wie die Schülerinnen und Schüler vor Gericht berichteten, wurden sie in getrennten Klassen – so gut wie nicht – unterrichtet. Nach acht Jahren konnten sie gerade schreiben, kaum lesen. Sie bekamen keine Hausaufgaben – „weil sie sie sowieso nicht hätten bewältigen können“, so die Begründung. Die allerdings stimmte. So miserabel war der Unterricht.  Zudem durften sie nicht ins Schwimmbad, nicht zum Faschingsball, Schulausflug etc.
Das erste Urteil zur Wiedergutmachung des Bezirksgerichts wurde angefochten, das zweite, schon in Budapest, auch. Endlich wurden den jungen Leuten wegen der verfassungswidrigen Behandlung 99 Millionen Forint, ca. 35 Millionen Euro, zugesprochen. Es ist zwar keine optimale Lösung, denn ihr Leben wurde verpfuscht, und das ist kaum wieder gut zu machen. Aber immerhin ein Zeichen.
Wohl deshalb schimpfte Viktor Orbán, ohne das Wort „Roma“ zu benutzen: „Eine Minderheit bekommt viel Geld, obwohl sie nichts dafür getan hat.“
Da gibt es für die ungarischen Roma-Verbände – und fürs ganze Land – recht viel zu tun.
Doch jetzt schon eine neue gute Nachricht: Der erste rechtskräftig verurteilte Abgeordnete der  Regierungspartei Fidesz, Roland Mengyi, hat am 14. Januar 2020 seine vierjährige Haftstrafe angetreten. Das Gericht verurteilte ihn in zweiter Instanz wegen gemeinschaftlich versuchter Unterschlagung von 500 Millionen Forint, ca. 1,700 000 €, die als EU-Unterstützung für sozial tätige Vereine ausgewiesen waren.
Und schließlich: Die Fidesz bleibt weiterhin aus dem konservativen EU-Parteienverbund EVP suspendiert.
Gut für Ungarn.    Fotos: privat/Humanium

Bucerius Kunstforum, Hamburg 1.2. bis 10.5.2020:
David Hockney – Die Tate zu Gast

National Portrait Gallery 27.2. bis 28.6.2020
David Hockney: Drawing from Life

 

Mr und Mrs Clark and Percy

Wasser kann er malen wie kaum ein anderer: Der britische Maler, Graphiker, Fotograf und Bühnenbildner David Hockney (geb. 1937) lebte lange in Kalifornien und schuf dort seine berühmten Shower- und Poolbilder.

Das Bucerius Kunstforum zeigt jetzt etwa 100 Werke aus über sechzig Jahren, die meisten hat die Tate London ausgeliehen. Am Beginn der Ausstellung läuft man „In the studio“ des Künstlers, ein Collagengemälde aus Foto, Zeichnung und Graphik von 2017. Da steht der Meister mit Sessel, Teppich und Staffelei, rundum hängen seine Bilder. Weiter geht es chronologisch  und beginnt  mit einem Druck von 1954, der Hockneys Mutter zeigt, und endet mit mit dem riesigen Gemälde „A closer Grand Canyon“ aus sechzig kleinen Bildern von 1998. Zu entdecken ist so Hockneys technische und stilistische Entwicklung.
Auch im Februar eröffnet in London eine Hockney – Ausstellung, die sich nur seinen Zeichnungen widmet. Die ersten Portraits von seiner Mutter, seiner Muse Celia Birtwell, von sich selbst und einigen wenigen Freunde stammen auch hier aus den 50er Jahren, aber diese Menschen hat er bis in die 80er immer wieder gezeichnet, so ist die Ausstellung ein wunderbares Zeitzeugnis.

Foto: David Hockney: Mr and Mrs Clark and Percy,1970/71, Tate, London, © David Hockney, © Foto:Tate, London

Ein antiker Stadtplan

Sie war einmal Hauptstadt von Mallorca: Perpignan, die wärmste Stadt Südfrankreichs und 30 km von der Grenze zu Spanien entfernt. Ende des 13. Jahrhunderts teilte Jakob der Eroberer sein Reich Aragon unter seinen Söhnen auf, Jakob II erhielt Mallorca und das Roussillon und machte die Festung Perpignan zu seinem Wohnsitz auf dem Festland. Die Grundmauern des „Palais des Rois de Majorque“  stammen allerdings schon aus dem 10. Jahrhundert, zur mächtigen Burg wurde sie erst im 17. Jahrhundert ausgebaut. Nach vielen kriegerischen Auseinandersetzungen fielen Perpignan und das Roussillon 1659 im Pyrenäenfrieden endgültig an Frankreich.

Le Castillet

Ein Aufstieg zu dem Palast, der auf einem Hügel südlich der Altstadt liegt, lohnt sich auch an einem heißen Sommertag. Denn auf dem „Ehrerbietungsturm“ gibt es eine Aussichtsplattform, von der aus man die ganze Stadt und die Region bis zum Mittelmeer und den Pyrenäen überblickt.
Die Festung, die wenig mit dem Äußeren eines Schlosses gemein hat, ist beeindruckend mit ihrem Ehrenhof, mit doppelstöckigen Arkaden, riesigen Treppenaufgängen, Thronsaal  und Säulenhallen. Allerdings sind die Räume alle leer und kahl, Möbel und Dekorationen sind schon lange verschwunden.
Von der Aussichtsplattform kann man auch das Wahrzeichen Perpignans am anderen Ende der Altstadt sehen: Le Castillet. Das Stadttor aus dem 14. Jahrhundert ist der letzte Rest der Stadtmauer, die am Beginn des 20. Jahrhunderts abgerissen wurde. Heute gibt es hier ein Heimat-Museum und auch eine Aussichtsplattform, zu der Sie 142 Stufen hinaufsteigen müssen.

Der Tet fließt durch die Stadt

Apropos: Auch das Kaufhaus Galerie Lafayette, das schräg gegenüber steht, hat eine Dachterrasse mit Café, von der man einen schönen Blick über die Stadt hat. Das Kaufhaus selbst ist allerdings etwas aus der Zeit gefallen. Aber darin verweilen will man ja sowieso nicht, nun geht es nämlich durch die schmalen Altstadtgassen, in denen wunderbare kleine Geschäfte locken.
Schauen Sie sich unbedingt auch die Kathedrale Saint-Jean Baptiste an, die ursprünglich viel prächtiger werden sollte, aber die Bauarbeiten wurden im Laufe der Jahrhunderte eher nachlässig zu Ende geführt. Die Ausstattung der Bischofskirche ist jedoch überraschend kostbar.
Falls Sie jetzt Lust auf ein typisch französisches Bistro haben, am Place Francois Arago lädt das Café Vienne zu einer ausgiebigen Pause ein. Auf der großen Terrasse kann man dann bei einem preiswerten Menü dem Treiben zuschauen – am besten mit einem kühlen vin blanc im Glas.
Anschließend schlendert man ganz beschwingt in Richtung Bahnhof, der zwar nicht sonderlich spektakulär ist, aber den Maler Salvador Dali so begeisterte, dass er angeblich „Dies ist das Zentrum der Welt“ ausrief und eines seiner surrealistischen Gemälde „La Gare de Perpignan“ nannte, obwohl der darauf gar nicht zu sehen ist. Fotos: CO

Wenn Männer nicht mehr aggressiv sein müssen, um akzeptiert zu werden, fühlen Frauen sich nicht mehr gezwungen, sich ständig zu fügen. Wenn Männer nicht mehr beherrschen müssen, müssen Frauen nicht mehr beherrscht werden.“

Die Schauspielerin Emma Watson 2014 in ihrer Rede vor den Vereinten Nationen in New York, mit der sie für die Kampagne HeForShe warb, mit der mehr Gleichberechtigung erreicht werden soll. Zitiert im Buch „Wenn nicht ich, wer dann“ (siehe unten).
Foto: wikipedia

 

Peter Butschkow, der Berliner Zeichner, lebt und arbeitet in Nordfriesland udn hat schon weit mehr als 2 Millioen Bücher, Kalender und unzählige Postkarten verkauft.

Cartoon-Abdruck kostenpflichtig www.butschkow.de

Hotel Dorint, Mönchengladbach

Weit ist es nicht vom Hotel in die Innenstadt, das Haus liegt auf einer Anhöhe direkt am „Bunten Garten“, dem Botanischen Garten von Mönchengladbach, in dem man gut entspannen kann. Oder man geht ins Schwimmbad des Hotels, genießt einige Saunagänge und die eindrucksvolle Grottendusche. Die Zimmer sind groß, die Bäder gut ausgestattet. Im Wintergarten lockt ein reichhaltiges Frühstücksbüfett.
DZ ab ca. 90 Euro. Foto: Dorint

Von Frauen – überwiegend, für Frauen – aber nicht nur, über Frauen – ausnahmslos.

 

 

Starke Frauen

Am besten schenkt man ihn sich selbst: Dieser Wochen-Wandkalender mit 53 Porträts von Frauen, jede gezeichnet von einer anderen Illustratorin, erzählt die ungewöhnlichen Lebenswege solch bemerkenswerter Frauen wie Vicki Baum und Barbara Bohlen, Cornelia Funke und Marlene Dietrich, Hildegard Knef und Meret Oppenheim, Hildegard Hamm-Brücher und Petra Pau. Viele der Illustratorinnen haben zugunsten des „FeM Mädchenhaus Frankfurt“ auf ihr Honorar verzichtet.

Starke Frauen. Wandkalender,21 x 29,7cm, Dumont, 18 Euro Foto: Dumont
 
 
 

Frauen mit Stil

Die britische Modejournalistin und Dozentin Tamsin Blanchard hat für ihr Buch 100 Frauen ausgesucht, deren Stil sie beeindruckt hat. Sie kombiniert je ein oder zwei ausdrucksstarke  Fotos mit einem ausführlichen Text zum Leben und zum Stil der jeweiligen Frau. Porträtiert hat sie u.a. Yoko Ono und Frida Kahlo, Tilda Swinton und Lauren Bacall, Nina Simone und Sofia Coppola, Anna Wintour und Jean Seberg, Donna Karan und Beth Ditto. Nur auf Englisch.

Tamsin Blanchard: 100 women 100 styles. 232 S., 160 Abb., Laurence King Verlag,
24 Euro Foto: Laurence King

 


Das Jahr der Frauen

1919 ist das Jahr eins nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, in Versailles wird ein Friedensvertrag ausgehandelt und in Berlin der Spartakusaufstand niedergeschlagen, Frauen dürfen erstmals aktiv und passiv wählen,  in Weimar nimmt das Bauhaus seine Arbeit auf.
Die Autorin Unda Hörner berichtet in ihrem Buch anhand der Biografien so bekannter Frauen wie Rosa Luxemburg und Coco Chanel, Käthe Kollwitz und Hannah Höch, Alma Mahler-Gropius und Marie Curie, was in diesem Jahr geschah und für die Zukunft wichtig wurde.
Hervorragend recherchiert, unterhaltsam konstruiert und locker geschrieben. So macht Zeitgeschichte Spaß!

Unda Hörner: 1919 – Das Jahr der Frauen. 256 S., Ebersbach & Simon, 22 Euro
Foto: Ebersbach & Simon
 

Frauen im NS Staat

„Sie war weder Nazi, noch  Nichtnazi, sie wollte Karriere machen“, sagte der Regisseur Douglas Sirk über die schwedische Filmschauspielerin Zarah Leander, die in NS-Deutschland zum Star wurde. Die Autorin Christiane Kruse erzählt vom Leben 50 bekannter und unbekannter Frauen und ihrer Haltung zum NS-Regime, neben Zarah Leander sind mit dabei Magda Goebbels und Stella Goldschlag, Leni Riefenstahl und Marita Rökk, Sophie Scholl und Elisabeth von Thadden. Dabei legt die Autorin besonders viel Wert darauf, die Beweggründe herauszuarbeiten, warum die eine zur glühenden Anhängerin Hitlers wurde und die andere ihren Widerstand mit dem Leben bezahlte.

Christiane Kruse: Macht, Ohnmacht, Widerstand. Frauen in der Zeit des Nationalsozialismus, 50 Porträts, Braus, 14,95 Euro. Foto: Braus
 

Frauen haben was zu sagen

Die amerikanische Journalistin Anna Russell, die unter anderem für den New Yorker schreibt, beginnt ihr Buch mit einer Rede der englischen Königin Elisabeth I. von 1588, in der sie ihre Truppen auf den Kampf gegen die spanische Armada einschwört. Sie endet mit einem Vortrag der Bildhauerin Maya Lin, die mit 21 Jahren den Wettbewerb für die Gestaltung des Vietnam Veterans Memorial in Washington gewann und 2018 auf der Abschlussfeier in der New York School of Visual Arts den Absolventen Mut machte, an sich selbst zu glauben. Dazwischen kommen 52 andere Frauen zu Wort, darunter Marie Curie und Virginia Woolf, Eva Perón und Helen Keller, Indira Gandhi und Toni Morrison, Michelle Obama und Angela Merkel.

Anna Russel, Camila Pinheiro: Wenn nicht ich, wer dann? Große Reden großer
Frauen, Sieveking Verlag. 22 Euro. Foto: Sieveking Verlag

Jerusalem: Seit dem 17. Dezember ist der nächste Abschnitt der Mauerpromenade, der „Northern Ramparts Walk“ fertig gestellt. Nach fünf Jahren Bauzeit können die Besucher jetzt mehr als drei Kilometer – vom Jaffa- zum Löwentor – hoch über der Stadt spazieren und haben dabei großartige Ausblicke auf den Felsendom, den Tempel- und den Ölberg.
Die Bibel:Der Schauspieler Rufus Beck hat ein gewaltiges Projekt verwirklicht – er hat die gesamte Bibel eingelesen. Nun gibt es eine Kassette mit 86 CDs, auf den man 98 Stunden der Luther-Übersetzung der Bibel lauschen kann. Preis 199 Euro.
Farbe des Jahres: Pantone hat die Farbe des Jahres 2020 vorgestellt, das klassische Blau ist in den nächsten 12 Monaten überall angesagt. Wie schön!

Fotos: Hersteller/Veranstalter

Nachrichten aus einem kleinen Land

Unser Autor

Unser Kolumnist, der Ungar Péter Pál Meleghy, ist Autor vieler Reiseführer und Kochbücher und schreibt für verschiedene deutsche Zeitschriften. Er lebt in Hamburg und Budapest und betreibt die Website www.ungarnaktuell.de, außerdem die beiden Literaturseiten www.phantastisch-realistische-literatur.de und www.ein-oscar-fuer-hitler.com

                                
                                                  

                  Das letzte aus der Anstalt im Jahr 2019

                                                           & Die lustigsten Streiche

Nicht am frühen Morgen verunglücken! Budapest gegen sechs Uhr: Der erste Rettungswagen wird gerufen. Laut Gesetz muss er mit allen Geräten und einem Arzt sogleich losbrausen. Tut er auch. Rund drei Minuten später folgt der nächste, und gegen neun Uhr gibt es im Rettungszentrum keine Retter mehr. Man kann dabei auch Glück haben. Wenn sich bei der Ankunft eines Rettungsarztes etwa herausstellt, dass der Verunglückte nur seinen Fuß verstaucht hat, steht der Wagen wahrscheinlich bald wieder zur Verfügung.
In weniger lustigen Ländern als Ungarn gibt es einen automatischen Anrufbeantworter, der bei einem verstauchten Fuß erstmal einige Ratschläge gibt, bevor ein Wagen losfährt – aber ein derartiges System gibt es in Budapest bzw. ganz Ungarn nicht. Dafür gibt es andere, wichtige, ja typische Symbole eines autokratisch regierten Landes: 16 Fußballstadien, die über 10.000 Zuschauern Platz bieten – und 33 etwas kleinere.

Bloß nicht krank werden! In den OPs der staatlichen Krankenhäuser fehlen Gerätschaften. Ärzte und Schwestern werden miserabel bezahlt. Sie flüchten. Die Ärzte arbeiten lieber in Deutschland, Schwestern und Pfleger lieber in Österreich.
Die neueste Idee des Ministerpräsidenten: Wer mit seinem Beitrag zur Staatlichen Krankenversicherung über drei Monate im Verzug bleibt, verliert dieselbe. Ihm bleiben dann nur noch die – etwas teureren – Privatkliniken. Wer also als Arbeiter oder Angestellter beschäftigt ist, sollte sich regelmäßig bei seinem Arbeitgeber erkundigen, ob der den Beitrag für ihn bezahlt hat oder nicht. Darüber hinaus gibt es noch besonders viele Arme, die umgerechnet 105 Euro im Monat nicht regelmäßig aufbringen können.
Insgesamt dürfte Orbans neue Idee ca. 700.000 Menschen betreffen. Sie alle könnten bald ohne Kranken-Versicherungs-Schutz sein. Das Gesetz wurde Anfang Dezember bereits mit der Regierungsmehrheit im Parlament verabschiedet. Die Ärzte und ihre Gewerkschaft protestieren zwar und baten den Staatspräsidenten, das Papier nicht zu unterschreiben. Doch leider tut er meist das, was sein Chef von ihm verlangt.     

Nur nicht arm sein oder werden! Wer die Miete nicht zahlen kann, wird nach drei Monaten obdachlos. Selbst eine Mutter mit neun Kindern. Immerhin, die Mitmenschen sind auch in solchen Fällen hilfsbereit: Ein Spendenaufruf brachte aus dem ganzen Land zusammen. Die anderen freilich, die nicht rufen, werden obdachlos – was allerdings verboten ist. Irrenhaus? Oder? Denn: Wer einige Millionen aufbringen kann, bekommt dazu noch großzügig einen preiswerten Baukredit.

Nicht als Roma auf die ungarische Welt kommen! Männer und Frauen werden ausgegrenzt, Schulkinder kommen in getrennte, überfüllte Roma-Klassen. Mit 16 Jahren sind sie dann frei für die Hilfsarbeiter-Ausbildung.
Dass es aber auch anders geht, erfuhr jetzt die Roma-Pflegerin Edina Stojka. Sie betreute im Hospiz der südost-ungarischen Kleinstadt Gyula 15 Jahre lang aufopferungsvoll Sterbende. Während ihres Pflegerinnen-Studiums hatte sie allerdings selbst die niedrigsten, schlecht bezahlten Arbeiten annehmen müssen. Nun erhielt sie die erste Anerkennung: Im April 2019 wurde sie mit dem „Goldenen Band“ des Ungarischen Roma-Verbands ausgezeichnet.             

Nicht in Ungarn studieren? Offenbar. Die Budapester Central European University, kurz CEU, war eine international renommierte Lehranstalt, die ihren Absolventen neben den ungarischen auch US-Diplome aushändigte. Weil ihr Gründer Georg Soros, US-Amerikanischer Philanthrop und Investor ungarischer Herkunft, mit seinem Vermögen aber weltweit Bildungseinrichtungen, Bürgerrechtsorganisationen und politische Aktivisten unterstützt, zog er sich Orbans Feindschaft zu. Der Dekan der CEU wurde schikaniert, die Arbeit des Instituts so erschwert, dass es flüchtete. In Wien wurde es mit Handkuss aufgenommen.

Die beste Nachricht zum Schluss: Die Mitglieder der „Orbán-Familie“ bekommen so gut wie alle EU-geförderten Bau- und anderen Aufträge. So auch die große, über 80 Jahre alte Patronin der Sippe. Sie durfte kürzlich eine Farm mit ca. 800 (echten) Schweinen kaufen. Und Orbáns bester Freund hat es auf die kürzlich aktualisierten Liste der reichsten Menschen der Erde  geschafft – wenn auch noch ziemlich weit hinten. Aber das kann ja noch werden.  Fotos: privat/wikipedia

Kunstpalast, Düsseldorf, 30.1. bis 24.5.2020:
Angelika Kauffmann – Künstlerin, Powerfrau, Influencerin

 

Was die Künstlerin wohl zu diesem Titel gesagt hätte? Natürlich wusste Angelika Kauffmann (1741 bis 1807) überhaupt nicht, was eine Powerfrau, geschweige denn eine Influencerin sein sollte.
Aber immerhin hieß es zu ihrer Zeit: „Die ganze Welt ist verrückt nach Angelika!“  Schon als Sechsjährige galt sie als zeichnerisches Wunderkind, eine Malausbildung erhielt sie von ihrem Vater, der Freskenmaler war und mit dem sie lange Jahre durch Italien und später durch England reiste. Zu Ruhm kam sie durch ihre feinsinnigen Porträts von Persönlichkeiten ihrer Zeit. Sie wurde wegen ihrer umfassenden Bildung und ihres künstlerischen Talents verehrt und galt laut Johann Gottfried Herder als „vielleicht kultivierteste Frau in Europa“.
Der Kunstpalast zeigt jetzt etwa 100 ihrer Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen, aber auch Druckgrafiken und Kunsthandwerk nach Motiven der Malerin.

Foto: Angelika Kauffmann, Selbstbildnis mit der Büste der Minerva, um 1784, Öl auf Leinwand, 93 x 76,5 cm, Bündner Kunstmuseum, Chur, Depositum

Gigantisch! Die imposante Heidecksburg liegt auf einem 60m hohen Berg direkt über der Altstadt von Rudolstadt an der Saale nicht weit von Weimar. Die auf den Resten eines Schlosses etwa 1570 entstandene Renaissance-Burg brannte 1735 ab, 1737 begannen die Arbeiten zu der barocken Residenz, wie man sie jetzt sehen kann.
Heute ist hier das Thüringer Landesmuseum und das Staatsarchiv Rudolstadt untergebracht. Außerdem kann man über 4000 Exponate einer Waffensammlung anschauen – und sich von der Ausstellung „Rococo en miniature“ verzaubern lassen. Einer Märchenwelt in den Phantasie-Königreichen Pelerine und Dyonien, die innerhalb von 50 Jahren von zwei Hobbybastlern im Maßstab 1:50 im Stil des Rokoko geschaffen wurden. Hunderte von Mini-Bewohnern, vom König bis zur Magd, dazu Tiere, Wagen, Betten, Tische und Schränke, Kochgeschirr, Uniformen und Ballkleider begeistern jeden Betrachter.
Gleich am Fuß des Burgbergs findet man die Stiftsgasse und dort das alte Rathaus von 1524 mit seinem prägnanten Glockenturm, in dem heute das Stadtarchiv und die Historische Bibliothek untergebracht sind. Ein paar Schritte weiter steht das ehemalige Stift von 1513, ursprünglich erbaut für Handwerkerfamilien, Lehrer und Geistliche, in dem dann ab Mitte des 18. Jahrhunderts bis 1945 adelige Damen lebten. Danach verfiel das Gebäude, brannte 1988 aus und wurde ab 1992 restauriert. Heute gilt das Ensemble aus vier Häusern mit dem schönsten Innenhof der Stadt als touristisches Kleinod.
Die Stiftsgasse geht dann über in die Weinbergstraße, dort findet man links in der Schillerstraße das Schillerhaus, in dem Friedrich Schiller 1787 nicht nur erstmals seine spätere Ehefrau Charlotte von Lengefeld traf, sondern auch Johann Wolfgang von Goethe kennenlernte. Heute ist im Schillerhaus oben ein kleines Literaturmuseum, unten ein Restaurant und Café mit wunderschönem Garten untergebracht.
Falls Sie hier keine Pause machen möchten, schlendern Sie doch von der Schiller- in die Marktstraße und von dort zum Marktplatz mit dem neuen Rathaus von 1912. Dort gibt es mehrere nette Lokale, und man kann auch draußen sitzen.
Gestärkt könnten Sie jetzt die Marktstraße weiter gehen und dann links in die Ludwigstraße einbiegen. Sie führt zur imposanten Ludwigsburg, dem barocken Schloss von 1734, in dem Prinz Ludwig Günther lebte, bevor er als Fürst in die Heidecksburg zog. Danach diente das Schloss als fürstliche Zeichenschule, Sitz des Landtages, Museum, Ministerialwohnung, Lehrerseminar und Kinderhort, bis schließlich der Thüringer Rechnungshof einzog. Besichtigen kann man das Schloss heute nur noch von außen. Schiller setzte dem Bauwerk 1788 in seiner Erzählung „Herzog von Alba bei einem Frühstück auf dem Schlosse zu Rudolstadt in Jahr 1547“ ein literarisches Denkmal.
Zurück durch die Ludwigstraße geht’s jetzt zur Saale, über die Fußgängerbrücke und dann gleich rechts in den Heinrich-Heine-Park. Mitten in der etwa 3 ha großen Anlage, die sich an der Saale entlangzieht, stehen Thüringer Bauernhäuser, die 1914/15 hierher umgesetzt wurden und heute als ältestes Freilichtmuseum Deutschlands gelten. Die wunderschönen Fachwerkbauten konnten von engagierten Rudolstädtern vor dem Abriss bewahrt werden und sind jetzt Heimatmuseum, in dem man erleben kann, wie die Bauern in Thüringen früher lebten. Dazu gehört auch ein schöner Bauerngarten, den man besichtigen kann. Falls Sie jetzt Lust auf einen Kaffee haben, auch den gibt es hier – und sogar selbst gebackenen Kuchen.
Fotos: CO

Zitat

 

Die Klugen und die Dummen sind auf alle Völker gerecht verteilt. Wenn es Sie als West-Mensch in den Osten verschlagen hätte, dann wären Sie im Osten natürlich der Dumme, der Anfänger gewesen. Als ich ab 1976 endlich in der Freiheit an der Menschheit lecken konnte, ging es mir schlecht. Warum? Weil ich der Anfänger war, der Neue im Westen.“

Der Liedermacher Wolf Biermann in einem Interview im Stern Nr. 46 vom 7. 11 2019.
Foto: wikipedia

 

 

Cartoon

 

Peter Butschkow, der Berliner Zeichner, lebt und arbeitet in Nordfriesland und hat schon weit mehr als 2 Millioen Bücher, Kalender und unzählige Postkarten verkauft.

Cartoon-Abdruck kostenpflichtig www.butschkow.de

 

Iberotel, Boltenhagen

Die Terrasse des Iberotel Boltenhagen

Meerblick gibt es aus jedem Zimmer des Iberotels, und Balkon oder Terrasse gehören auch überall dazu. Nicht mal fünfzig Meter sind es zur Ostsee und dem schicken Yachthafen. Die Zimmer sind großzügig und farblich beruhigend dekoriert, die Bäder mit viel Ablagefläche ausgestattet. Das Frühstücksbüfett ist vielfältig bestückt mit diversen Brotsorten und Brötchen, mit Obst und verschiedenen Müslis, mit Eiern in fast jeder Form und natürlich Aufschnitt, Käse, Marmelade und Honig.
Auch die Bar im Foyer ist einladend und bietet die leckersten Cocktails. Wenn allerdings ein ganzes Orchester nach seinem Auftritt hier seinen Durst löschen möchte, ist der Service etwas überfordert. Das DZ ab ca. 190 Euro. Foto:CO

Verrückte LIebe

Warum eigentlich hat dieser Katalog zu einer aktuellen Ausstellung im Frankfurter Städel einen englischen Titel, erzählt er doch, laut Untertitel, die „Geschichte einer deutschen Liebe“? Und die war – die Autoren schildern sie mit eindrucksvoller Detailfreude – durchaus leidenschaftlich. Nach eher stockendem Beginn entdeckten die Deutschen rasch ihr Herz für den (vermeintlich) verrückten Mal-Revoluzzer Vincent van Gogh, der von dem einflußreichen Kunstkritiker Julius Meier-Graefe zum „Christus der modernen Kunst“ ernannt und von etlichen Galeristen geschickt vermarktet wurde. 1914 besaßen Sammler und Museen im Deutschen Reich bereits rund 150 Gemälde des genialen Niederländers, zahlreiche deutsche Expressionisten nahmen sich den furiosen Pinselstrich und die kräftigen Farben van Goghs zum Vorbild. 120 seiner Gemälde und Zeichnungen sind jetzt in Frankfurt zu sehen, dazu kommen rund 100 Bilder seiner
deutschen Kollegen.
Kein Wunder, dass soviel Wertschätzung auch Kriminelle auf den Plan rief. Der vormalige Ausdruckstänzer Otto Wacker musste sich 1932 vor Gericht verantworten, weil er 30 falsche van Gogh-Bilder in Umlauf gebracht hatte, deren Echtheit unter anderen auch Meier-Graefe bestätigt hatte. Das Autorenpaar Nora und Stefan Koldehoff hat diesen veritablen und reich bebilderten Kunst-Krimi recherchiert, dessen Wendungen es selbst mit gut erfundenen Plots mühelos aufnehmen können. PM

Making van Gogh. 352 S., 260 Abb. Hirmer. 39,90 Euro

Nora und Stefan Koldehoff: Der van Gogh-Coup. 216 S. 210 Abb. Nimbus. 29,80 Euro
Fotos: Hirmer/Nimbus


Große Gefühle

Liebe war schon in der frühen Neuzeit ein Problem, überschreibt Victoria von Flemming ihren Aufsatz zum Kapitel AMORE. Der Katalog ist zu einer grandiosen Schau erschienen, die zwei Großmeister des italienischen Barock und einige ihrer Weggenossen zusammenführt.
Caravaggio (1571 bis 1610) zählte zu den bevorzugten Malern der Kardinäle im Vatikan. Sein Leben war so turbulent wie die Motive seiner Werke. Nach einem Totschlag wurde er aus der Stadt verbannt und floh nach Neapel, wo er mit nur 38 Jahren starb. Der  Bildhauer Bernini (1598 bis 1680), dessen Werke den Platz vor dem Petersdom in Rom prägen, wird bis heute als Meister der dynamischen Bewegung bewundert.
Selten zuvor haben Lust und Leid, Liebesglück und Rachsucht, Schuld und Sühne so drastisch von den Ateliers der Künstler Besitz ergriffen wie in der Barockzeit. Folgerichtig unterteilt der Katalog die Werke auch nach Kapiteln, die den menschlichen Emotionen gewidmet sind, wodurch ein spannender Parcours mit wunderbar gedruckten Abbildungen entsteht, begleitet von höchst lesbaren Aufsätzen.
Am besten verschenken Sie zum Katalog gleich eine Eintrittskarte (mit Zeitfenster!) zur Ausstellung. Bis 19.01.2020 ist sie noch in im Kunsthistorischen Museum Wien zu sehen. Dann wandert sie ins Rijksmuseum Amsterdam (14.02.bis 07.06.). UvS

Caravaggio – Bernini. Prestel Verlag. 328 S., 265 farbige Abb., 45 Euro Foto: Prestel

 

Mehr als Frau Pollock

Bis heute ist sie (zumindest bei uns) so gut wie unbekannt – und dabei hat es Lee Krasner durchaus verdient, entdeckt zu werden. Doch weil die 1908 in Brooklyn geborene Malerin immer im Schatten ihres weitaus berühmteren Kollegen und Ehemanns Jackson Pollock blieb, hat sie erst jetzt, in der Frankfurter Schirn, die erste repräsentative Retrospektive in Deutschland bekommen, zu der dieser sehr informative Katalog erschienen ist. Zu bewundern gibt es knapp 100 Werke, in denen die 1984 gestorbene Künstlerin nach figurativen Anfängen über kubistisch anmutende Arbeiten zu einer der Pionierinnen des Abstrakten Expressionismus wurde. Auf einen Stil festlegen ließ sie sich nie, denn dafür war sie, wie sie einmal ironisch feststellte, „eine verdammt gute Malerin, danke auch, und etwas zu eigenständig“. PM

Lee Krasner. 240 S., 250 Abb. Hirmer. 45 Euro Foto: Hirmer

 

Klick!

Begonnen hat sie vor genau 60 Jahren als Laborantin – und dann wurde sie zu der bedeutendsten Foto-Chronistin der Bundesrepublik. In Abertausenden von Aufnahmen, vor allem für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, hat Barbara Klemm die politische Geschichte des Landes dokumentiert, und so unbeirrt sie dabei am ebenso unterkühlten wie präzisen Schwarzweiß festhielt, so diskret und zugleich genau war stets ihr Blick. Zu ihrem 80. Geburtstag ist nun ein schöner dicker Band erschienen, der mit über 200 Bildern ein (zugegeben unvollständiges) Resümee ihres großen Lebenswerks gibt, zu dem auch viele Aufnahmen von Reisen rund um den Globus und Besuchen in Museen und Ateliers gehören. Dass sie mit ihrer Arbeit eine höchst vielfältige Tradition fortsetzt, belegt ein anderes gerade zu einer Ausstellung in Bonn erschienenes Buch über die
Fotografie in der Weimarer Republik. Da hatte das Metier seine Kinderjahre gerade hinter sich und begann (nicht zuletzt, weil die Kameras kleiner und leichter wurden) die Welt samt ihrer Rückseite zu entdecken. Ein spannendes Unterfangen – und dank solch stilbildender Pioniere wie Alfred Eisenstaedt, Martin Munkancsi oder Erich Salomon ein sehr gelungenes. PM

Barbara Klemm: Zeiten Bilder. 287 S. 136 Duotone-Tafeln. Schirmer/Mosel. 49.80 Euro

Fotografie in der Weimarer Republik. 264 S., 268 Abb. Hirmer. 39.90 Euro
Fotos: Schirmer/Mosel,Hirmer

 

Herrn Zwirners Gespür für Kunst

Selbst die Amerikaner waren beeindruckt. „Ein Bieter“, notierte die New York Times 1970 bei einer Kunstauktion, „zog mehr Aufmerksamkeit auf sich als irgendjemand sonst in der überfüllten Halle. Es war Rudolf Zwirner, ein 37jähriger, blonder, deutscher Händler aus Köln, der erstaunliche zwei Meter misst. Außerdem ging er am Ende mit zwei höchstpreisigen Stücken davon.“
Damals zählte Zwirner, dem die erste documenta 1955 „die Augen für die Moderne geöffnet“ hatte und der bei  der zweiten Kasseler Schau als Generalsekretär mitmachte, bereits zu den erfolgreichsten Galeristen des Rheinlands. 1967 hatte er die erste aller Kunstmessen erfunden, den „Kölner Kunstmarkt“ mit gerade mal 18 Ausstellern in der Festhalle Gürzenich, der seit 1984 „art cologne“ heißt. Zwirner brachte die Pop-Art-Künstler nach Deutschland, noch bevor sie in den USA anerkannt waren, und er war es auch, der in der Sammler-Metropole Köln den Schokolade-Fabrikanten Peter Ludwig beim Aufbau seiner grandiosen Sammlung beriet, die wir heute im Museum Ludwig am Kölner Dom bewundern. Er machte die Stadt zum Kunstmittelpunkt der Republik – bis der Mauerfall die Szene nach Berlin katapultierte.
Nun hat der inzwischen 86-Jährige, der mit einem unfaßbar sicheren Gespür für die Strömungen der Zeit und unternehmerischem Mut bis heute rund 300 Ausstellungen organisierte und dabei Ikonen der Avantgarde wie Andy Warhol, Gerhard Richter oder Georg Baselitz zeigte, seine Memoiren veröffentlicht: Eine überaus kurzweilige Muss-Lektüre für alle, die wissen möchten, wie sich die Galeristenszene von den Hinterhofläden der 50er Jahre bis zu den musealen Galerie-Lofts von heute entwickelt hat. Besonders aber auch für jene, die selbst dabei gewesen sind. UvS

Rudolf Zwirner: Ich wollte immer Gegenwart. Autobiografie. Aufgeschrieben von Nicola Kuhn. Wienand Verlag. 256 S., 72 Abb., 25 Euro. Foto: Wienand Verlag

 

Noch Fragen?

Nach der Lektüre dieser schmucken Büchlein eigentlich nicht mehr. Auf je 100 Fragen zu Champagner und Wein, zu Käse und Fisch gibt Rainer Wörtmann, Journalist und Art Director, 100 Antworten. Illustriert sind die hübsch gestalteten Bände mit feinen Schwarzweiß-Zeichnungen; die informativen Texte sind verständlich geschrieben und machen viel Spaß. Ein Beispiel gefällig? Bitte sehr: Auf die Frage, ob Fische sprachlos sind, antwortet Wörtmann mit „Sprechen wie wir Menschen tun sie nicht, aber sie quietschen, grunzen und klappern.“ Wer hätte das gedacht! CO

Rainer Wörtmann: Käse – 100 Fragen und 100 Antworten, 50 S., Selbst Verlag, 7,50 Euro (weitere Titel zu Wein, Champagner, Fisch) Foto: Wörtmann

 

 

Selfies

Heute ist er ein Alltagsgegenstand, dem wenig Beachtung geschenkt wird. Seine Faszination ist meist nur noch bei Kindern zu sehen, die sich in ihm das erste Mal selbst entdecken – und dabei hat der Spiegel eine ebenso lange wie eindrucksvolle Geschichte hinter sich.
Das älteste Exemplar, das Archäologen als Grabbeigabe im türkischen Anatolien fanden, ist aus schwarzem Vulkangestein und etwa 7000 Jahre alt. Im Katalog zu einer gerade zu Ende gegangenen Ausstellung in Zürich erzählt der Herausgeber mit Beispielen aus China und Afrika, dem alten Ägypten und Persien, wie es weiterging, er beleuchtet den Weg der Menschen vom Selbsterkennen bis zur Selbsterkenntnis und erzählt von Schönheit und Eitelkeit in Gemälden, Fotos, Filmen und nicht zuletzt den heute allgegenwärtigen Selfies. CO

Albert Lutz: Spiegel – Der Mensch im Widerschein. 336 S. Wienand. 45 Euro Foto: Wienand Verlag

 

 

Deutsche Küchenseele

Wir sind das Land der Sättigungsbeilagen, der Knödel, der Spätzle und des Kartoffelbreis.
Wer also etwas über unsere Seele erfahren möchte, der fange bei der gelbfleischigen Alexandra  an und arbeite sich vor bis zur tiefgelben Venezia, sagte sich jedenfalls der Fernsehjournalist und Sachbuch-Autor Wolfgang Herles und begann, die deutschen Ess- und Kochgewohnheiten zu analysieren. In seinem vergnüglichen Buch „Vorwiegend festkochend“ beschäftigt er sich ausgiebig mit unserer Heimat als Bananenrepublik – wir essen jeder etwa achtzig Bananen im Jahr -, mit den dekadenten Auswüchsen unserer Currywurst-Liebe – als Schickimickivariante mit Blattgold zu haben -, mit der ausufernden Gaststättenverordnung, die Wirte zu Verzweiflung treibt, und mit dem Käseigel, der Ausdruck unseres eher dekorativen Verhältnisses zum Käse ist.
Der Autor macht weder vor der Weißwurst, dem Thermomix, der Maultasche und der Vegetarier halt, noch vor Fernsehköchen, Goldbroilern und der abschließenden Milchmädchenrechnung.
Ein riesengroßer Spaß mit einiger Selbsterkenntnis! CO

Wolfgang Herles: Vorwiegend festkochend – Kultur & Seele der deutschen Küche, 415 S., Pinguin Verlag, 29 Euro. Foto: Pinguin Verlag