„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Artikel 1. Zurzeit wird die Würde offen infrage gestellt, sie wird Menschen wegen ihrer Hautfarbe, Rasse, Religion verwehrt. Auch wenn es ein radikal kleiner Teil ist, der das tut – das ist ein fundamentaler Angriff auf unsere Basis. Wir müssen uns entschieden widersetzen. Wir brauchen eine Massenmobilisierung der Demokraten, einen Aufstand des Anstands.“

 

Der SPD-Politiker Martin Schulz in einem Gespräch mit der Schauspielerin Iris Berben in Chrismon Spezial vom 31. Oktober 2018.

Foto: spd

Unser Lieblings-Cartoonist hat eine neues Buch herausgebracht, und das ist das ideale Geschenk für Menschen jenseits der Fuffzig!…?? Ach nee, eigentlich können auch Middleager darüber lachen, oder sogar noch jüngere, denn „Was geht’n im Alter so ab, Alter?“ finden bestimmt auch Pubertiere lustig.

Carlsen /Lappan Verlag, 9,99 Euro

 

Art Hotel Commercianti, Bologna

Schlafen unter mittelalterlichen Balken

Die Lage des Hotels ist ideal, wenn man die Stadt Bologna zu Fuß anschauen möchte. Die Basilika San Petronio kann man nämlich aus den Zimmerfenstern fast anfassen, und die wunderbare Orgel ist vom Bett aus zu hören. Im Hotel residierte im 12 Jahrhundert das Rathaus, die verkohlten Reste eines verheerenden Feuers im Mittelalter sind heute noch zu sehen.

Die Zimmer sind groß, mit Sitzecke und Schreibtisch im klassischen Stil ausgestattet. Die Bäder haben ausreichend Ablageflächen und natürlich auch ein Bidet.

Das üppige Frühstückbüfett mit frischem Obst, leckeren Brotsorten, Säften und verschiedenem Käse ist für Italien völlig unüblich, wird aber gerne genossen. DZ ab ca. 130 Euro

Foto: Art Hotel Commercianti

Keine Bange, wenn Ihnen noch immer kein angemessenes Weihnachtsgeschenk eingefallen ist: Hier kommen Tipps für Bücher, die auch ohne Kerzen in alle Augen ein warmes Leuchten zaubern.

Fotobände:

Vom Zauber eines Anfangs
Heute ist sie natürlich ein Star mit internationalem Kultstatus, deren Fotos sorgfältig arrangierte Kompositionen sind, aber vor genau 50 Jahren, als die blutjunge Kunststudentin Annie Leibovitz den Pinsel mit der Kamera tauschte, entstanden noch ganz andere Bilder. Da ging sie für das US-Magazin „Rolling Stone“ mit zahllosen Bands auf Tournee, beobachtete US-Politiker im Wahlkampf, andere Promis beim Leben, und die Aufnahmen, die sie dabei gleichsam aus der Hüfte schoss, sind bis heute von einer umwerfenden Spontaneität. In diesem Band sind sie versammelt, und schon die Porträts auf dem Umschlag, die auf den Beifahrersitzen Dutzender Autos entstanden, sind großartige Dokumente aus einer Zeit, als Rockmusik noch mit der Hand gemacht wurde – und die Fotos genauso entstanden.

Annie Leibovitz: The Early Years 1970-1983. 180 Seiten. Taschen. 40 Euro Foto: Taschen

Was heißt denn hier Provinz?
Deutschland? Aber wo liegt es? fragte der Dichter Friedrich Schiller schon vor über 200 Jahren. Das Fotografen-Ehepaar Ute und Werner Mahler, in der DDR zu Ruhm gekommen und 1990 Mitgründer der inzwischen fast legendären Agentur „Ostkreuz“, machte sich auf die Suche und hat sich drei Jahre lang in rund hundert Kleinstädten in Ost und West umgesehen. Das (bewusst in Schwarzweiß aufgenommene) Ergebnis: eine Welt voller Grautöne, dokumentiert mit jener unsentimentalen Lakonik, die längst das Markenzeichen der Mahlers geworden ist. Eng ist es denn auch oft auf diesen Aufnahmen und leer zugleich, und manchmal friert man, wie einst Franz Josef Degenhardt, vor Gemütlichkeit. Ist Provinz Heimat? fragt Ute Mahler einmal. Zumindest ein Teil der – durchaus nicht beschönigenden – Antwort liefern diese Bilder.

Ute und Werner Mahler: Kleinstadt. 144 S., 69 Abb. Hartmann Projects Verlag. 49 Euro Foto: HartmanProjects

 

Kunstbände:

Auf den Spuren eines Genies
Eigentlich ist der „Gauguin Atlas“ gar kein Atlas, sondern eher eine illustrierte Reise durch das bewegte Leben des Malers Paul Gauguin (1848 -1903), der mal in Paris, mal in Kopenhagen, in der Bretagne oder auf Tahiti lebte. Gauguin gab eine Karriere als Börsenmakler mit sehr großem Gehalt auf, um frei zu sein und zu malen. Seine Frau Mette ließ er mit vier Kindern mittellos in Kopenhagen sitzen, lebte eine Weile mit Vincent van Gogh in Arles, dann wieder in der Bretagne, in Paris und schließlich auf Tahiti, hatte überall Frauen und ließ sie mit gemeinsamen Kindern sitzen, lebte oft von Zuwendungen, verschwieg gelgentliche Einnahmen und machte sich immer und überall Feinde. Seine kraftvolle Malerei wurde erst nach seinem Tod erfolgreich. Der Gauguin Atlas zeichnet seine Leben in aller Welt detailliert und schwungvoll nach und bietet darüber hinaus alte Karten, Bilder, Zeichnungen, Briefe und Stadtpläne und natürlich Gauguins Gemälde als Illustration. Ein wunderbares Geschenk auch für Kunst-Anfänger.

Nienke Denekamp: Der Gauguin Atlas. 160 S., 350 Abb. Sieveking. 29 Euro. Foto: Sieveking

Eine Epoche der Sehnsucht
In den „Jungen Mann“, dessen Porträt das Buchcover ziert, möchten sich alle auf der Stelle verlieben – Frauen wie Männer. Und wer glaubt, so viel Schönheit sei einmalig, der irrt sich. Blättert man durch diesen großformatigen Katalog, dann geht es nämlich einfach so weiter – mit 120 Meisterwerken von Giotto, Botticelli oder Leonardo da Vinci.
Die Münchner Alte Pinakothek hat hinreißende Zeugnisse Florentiner Renaissancemalerei vom Arno an die Isar geholt. Denn im Florenz des 15. Jahrhunderts wurde die Malerei neu erfunden. Ermutigt und unterstützt durch die Mäzene aus der Medici-Familie experimentierten Künstler in dieser Zeit mit Themen, Formen und Techniken. Wie es dazu kam, dass sie dabei eine so facettenreiche Opulenz gewannen, die uns bis heute fasziniert und überrascht, kann man in ebenso anspruchsvollen wie verständlichen Aufsätzen nachlesen.
Das Florenz der Medici ist und bleibt eine Sehnsuchtsepoche: bis 27. Januar 2019 zu erleben in der Ausstellung und als Lese- und Schaugenuss im Katalog. Ein kostbares Geschenk.
Andreas Schumacher: Florenz und seine Maler: Von Giotto bis Leonardo da Vinci. Hirmer Verlag, 320 S., ca. 170 Abb., 45 Euro. Foto: Hirmer

Als Schlendern noch eine Kunst war
Gedankenlosigkeit? Unvermögen? Da erscheint ein famoser Katalog zu einer famosen Bonner Ausstellung mit dem famosen Titel „Der Flaneur“, und was ist auf dem Umschlag zu sehen? Eine Dame. Aber man sollte sich nicht zu lange über diesen ärgerlichen Lapsus aufregen, denn wenn man sich das Buch dann anschaut, entdeckt man eine faszinierende Welt: die des Schlenderns und Umherschweifens in der Großstadt. Kapitale dieses Müßiggangs war natürlich das Paris des 19. Jahrhunderts mit seinen breiten Boulevards und eleganten Passagen. Später lieferte Berlin eine dunklere, nervösere Version dieser ganz eigenen „Lektüre der Straße“, und so waren es nach den Impressionisten Künstler wie Ernst Ludwig Kirchner und George Grosz, die sich des Menschen im Dschungel der Großstadt annahmen. Doch je weiter das 20.Jahrhundert fortschritt, desto mehr verschwand der Flaneur. Der Street Photography gelangen noch ein paar eindrucksvolle Bilder – inzwischen ist der ziellose Passant zu einer Sehnsuchtsfigur aus der Vergangenheit geworden.

Volker Adolphs und Stephan Berg: Der Flaneur. Vom Impressionismus bis zur Gegenwart. 344 S., 230 Abb. Wienand. 39,80 Euro. Die Ausstellung im Kunstmuseum Bonn ist noch bis zum 13. Januar 2019 zu sehen. Foto: Wienand

Wenn der Schein trügt
Jemanden hinters Licht führen gilt nicht gerade als die feinste aller Umgangsformen. Dass es aber Ausdruck delikatester Kunstfertigkeit sein kann, belegt dieser informative Katalog, der zu einer Ausstellung in der Münchner Kunsthalle der Hypo-Stiftung erschienen ist. Über vier Jahrtausende, von der Antike bis in die Gegenwart, und an so gut wie allen Disziplinen der Kunst wird die „Lust der Täuschung“ dokumentiert, und ob nun auf einem pompejanischen Wandgemälde aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. erlegte Tiere wie zum Anfassen abgebildet sind, ob Raffael sein Fresko „Schule von Athen“ gleichsam in 3D malte oder die Brüder Lumière rund 4 Jahrhunderte später einen Zug von der Filmleinwand auf das Publikum zurasen ließen – soviel schöner Schein, wie jetzt in diesem Buch (und noch bis zum 13. Januar in der Ausstellung) zu bewundern ist, war selten in letzter Zeit.

Lust der Täuschung. 264 S., 200 Abb. Hirmer. 39.90 Euro Foto: Hirmer

Lesen von allen Seiten
Wer sich nicht entscheiden möchte, ob er lieber liest oder Gemälde betrachtet – dem seien diese zwei Bücher empfohlen. Sie bieten nämlich beides.
Über alle Kulturen und Epochen hinweg blieb die Faszination des Lesens ungebrochen. Daher verwundert es nicht, dass der Reiz der Bücher auch immer ein bevorzugtes Motiv der Maler war: So findet sich verschwenderische Hingabe bei Alex Katz, stille Versunkenheit bei Suzanne Valadon, laszive Selbstvergessenheit bei Pablo Picasso oder konzentrierte Ernsthaftigkeit bei El Greco.
Die „Kunst des Lesens“ (Prestel Verlag) präsentiert 280 Gemälde, keines gleicht dem anderen, aber alle eint das Motiv von der Leidenschaft zu lesen – eingefangen in Kunstwerken von Fresken aus Pompeji bis zu Installationen von Anselm Kiefer – und versehen mit kenntnisreichen Kommentaren.
Als Geschenk ebenfalls gut geeignet für Lesende, die Sie zur Kunst locken möchten, ist der Band „Lektüre“ (Schirmer/Mosel Verlag). Er versammelt berühmte Bilder von Menschen mit Büchern aus Malerei, Handzeichnung und Druckgrafik von Auguste Renoir bis Gabriele Münter, setzt aber den Schwerpunkt auf Kunst des 20. Jahrhunderts. Dabei widmet sich der elegant gestaltete Bildband auch jenen Künstlern wie Paul Klee und Cy Twombly, die in der Geste des Schreibens ein Hauptmotiv ihrer Kunst fanden, oder er zeigt, wie die Fotografin Candida Höfer Bibliotheken und Lesesäle in Szene setzte.
Mit Essays über das Wesen des Lesens, verfasst von berühmten Autoren wie Marcel Proust, Kurt Tucholsky oder Umberto Eco, reicht das Buch weit über die Ausstellung hinaus, die es im bayerischen Kochel am See im vergangenen Herbst begleitet hat.
Ach, lesen Sie doch einfach selbst.

David Trigg: Die Kunst zu lesen. Prestel Verlag. 352 S., 280 Abb., 22 Euro
Cathrin Klingsöhr-Leroy: Lektüre. Bilder vom Lesen – Vom Lesen der Bilder. Schirmer/Mosel Verlag. 172 S., 81 Abb., 39,80 Euro
Fotos: Prestel/SchirmerMosel

Der Trafikant

Wunderbar besetzt und bis ins Detail liebevoll ausgestattet kommt die Verfilmung des großartigen Buchs von Robert Seethaler „Der Trafikant“ doch nicht an die Vorlage heran. Das liegt an den mythischen Traumsequenzen, die der Regisseur dem Text hinzu gefügt hat, und die in meinen Augen völlig überflüssig, manchmal sogar ärgerlich sind.

Aber Bruno Ganz als Sigmund Freud ist trotzdem absolut sehenswert. https://tobis.de/film/der-trafikant

 

Weihnachtssterne: 2017 verkauften deutsche Züchter im Inland 32 Millionen Weihnachtssterne, 80% davon waren rot. Der Anteil der Mini-Pflanzen von 9 bis 11 cm Toipfgröße stieg in den letzten Jahren auf 57%, denn mit den Kleinen werden offensichtlich in den letzten Jahren immer öfter festliche Tafeln geschmückt.
Weihnachtsriuale: In Japan gehen Familien gern gemeinsam zu Kentucky Fried Chicken und genießen das „Christmas Dinner“, das allerdings Monate vorher reserviert werden muss. Auf Madeira backt man traditionellen Honigkuchen „Bolo del Mel“ am Beginn des Weihnachtsfestes am 8. Dezember, das dann bis zum 15. Januar mit vielen öffentlichen Festen gefeiert wird. Das Städtchen Santa Claus in Georgia hat, seit seine Beowhner den Ort 1941 umbenannten, eine Noel Street, eine Candy Cane Street und einen December Drive, dort am Rathaus werfen Kinder ihre Wünsche in den Briefkasten, die dann bestimmt in Erfüllung gehen.
Weihnachtsheft: Sie können bestimmt noch Ideen für Geschenke und Dekorationen gebrauchen, und auch ein paar leckere Rezepte? Und die Texte der schönen Lieder oder Gedichte werden auch gern mal aufgefrischt, oder? Wenn Sie außerdem noch gerne neue Plätzchen-Rezepte hätten und wissen möchten, warum wir Weihnachten so viel essen und woher die Mode der Baumkugeln kommt, dann sichern Sie sich das Magazin „WEeihnachten …heute so schön wie früher“, da haben Sie alles kompakt und attraktiv und völlig anzeigenfrei. Es kostet an gut sortierten Kiosken 5,90 oder über leser-service@steyler.com

Fotos: Veranstalter/Produzenten

Nachrichten aus einem kleinen Land

Unser Autor

 

Unser Kolumnist, der Ungar Péter Pál Meleghy, ist Autor vieler Reiseführer und Kochbücher und schreibt für verschiedene deutsche Zeitschriften. Er lebt in Hamburg und Budapest und betreibt die Website www.ungarnaktuell.de, außerdem die beiden Literaturseiten www.phantastisch-realistische-literatur.de und www.ein-oscar-fuer-hitler.com

NACHRICHTEN AUS DEM TOLLHAUS

Flucht der Schwestern und Ärzte

Im einzigen Krankenhaus der westungarischen Kleinstadt Ajka haben, wegen andauernder Überlastung und miserabler Ausrüstung, alle Schwestern der Intensiv-Station gekündigt. Ihnen folgten die Narkoseärzte. Eine Katastrophe für die Stadt und Umgebung.
Da es in Ungarn keinen Gesundheitsminister gibt, erhob dazu der zuständige „Minister Für menschliche Kraftquellen“ seine Stimme (die wörtliche Übersetzung seines Titels ist auch auf Ungarisch nicht verständlicher). Er sagte: Die wichtigste Medizin sei das Einhalten der christlichen „Zehn Gebote“.
Immerhin wurde im Parlament die Frage gestellt, welches der Gebote besonders streng einzuhalten sei: Etwa „Du sollst nicht – EU-Gelder –stehlen“? Leider blieb der Minister eine Antwort schuldig.

Obdachlosigkeit als Straftat

Das Gesetz wurde vom Parlament gebilligt. Vom Staatspräsidenten unterschrieben. Und somit trat es in Kraft. Tatsächlich verschwanden die Obdachlosen von den Straßen und Plätzen der Städte.
Als erste protestierten dagegen die Richter. Dann die Rechtsanwälte. Dann die Ärzte. Schließlich wurde von einem privaten Meinungsforschungs-Institut eine repräsentative Umfrage veröffentlicht. Danach denken zwei Drittel der Befragten, dass Obdachlosigkeit keine Straftat sei. Allerdings möchten etwa ebenso viele Obdachlose ungern in den Straßen ihrer Stadt sehen. Mich hat damals, als dies noch möglich war, ein wenig getröstet, dass die Obdachlosen recht gut mit Kissen und Decken durch Passanten aus der Nachbarschaft versorgt waren. Dazu landeten regelmäßig Münzen und Geldscheine in den bereitgestellten Pappbechern.
Wenn ich mir Obdachlose heute in den feuchten und kalten Wäldern vorstelle, denn viele wollen nicht in die überfüllten Heime gehen, tun sie mir umso mehr leid.
Dafür ist das Problem unsichtbar geworden.

Strafe für einen Bücherwurm

Der zweite Vorsitzende der Partei Demokratische Koalition Ungarns, Csaba Czeglédy, sitzt im Knast. Er soll den ungarischen Rechtstaat lächerlich gemacht haben. Ein Kunststück: Wie kann man etwas lächerlich machen, das nicht existiert? Zweifellos ein weiterer Versuch der Regierung, die Opposition zu zermürben.
Kürzlich ereilte den Politiker selbst hinter Gittern eine Strafe. Weil er für die Gefängnisleitung „zu viele“ Bücher in seiner Zelle aufgehäuft habe, darf er bei den Kulturveranstaltungen der Strafanstalt künftig nicht teilnehmen. „Wunderbar!“, soll er gesagt haben, „so bleibt mir mehr Zeit zum Lesen“.

Busfahren in Budapest – mit Überraschungen

Busfahren in Budapest

Der Sommer war nicht nur heiß sondern auch turbulent: Einerseits Proteste gegen den Kahlschlag im Stadtwäldchen, dazu Aufmärsche gegen die Regierung. Andererseits Musik- und Theaterfestivals im Freien, bei denen auch der Ministerpräsident das Wort ergriff – und es nicht wieder loslassen wollte.
All dies bedeutete Straßensperren. Und was in Budapest noch schwerwiegender ist, Sperren einer oder gar zwei Donaubrücken.
An einem solchen Tag saß ich im Bus 105, der mich gewöhnlich von Pest über die Kettenbrücke nach Buda und zu meinem Lieblings-Schwimmbad, (mit 29° warmem Quellwasser) Rudas fürdö, bringt.
Ich saß am offenen Fenster, direkt hinter der Fahrerkabine. Zunächst erreichten wir ohne Schwierigkeiten den Pester Brückenkopf der Kettenbrücke, wo allerdings ein unübersichtliches Schild die Überquerung verhinderte. Immerhin, als Beweis von Voraussicht des Leiters der Budapester Verkehrsbetriebe* stand (zur Fahrerseite des Busses) eine Polizistin. Eine Riesin. Mit etwa 2,20 Meter so hoch, dass sie kaum den Kopf heben musste, um mit dem (erstaunten) Fahrer zu plaudern. Der fragte denn auch etwas kleinlaut, wie er (mit uns Fahrgästen) auf die andere Seite der Donau komme. Darauf die selbstbewusste Beamtin: „Sie sehen dort vorn den Bus Nummer 19. Fahren Sie dem nach. Dem habe ich gerade den Weg erklärt.“
Es wurde eine hübsche, etwas längere Reise an der Donau entlang, denn auch die nächste, die Elisabeth Brücke, war gesperrt. Ich erreichte trotzdem noch rechtzeitig das Schwimmbad.

*Über die Budapester Busfahrer lohnt es sich zu wissen, dass sie nicht ihr Arbeitsleben lang eine Tour fahren. Als ich davon das erste Mal hörte, war ich begeistert, dass sie nicht, wie alte Esel in einer Weizenmühle, immer dieselbe Runde drehen müssen. Bald aber sah ich Busse, deren Fahrer offensichtlich in der letzten Minute entdeckten, dass sie rechts oder links abbiegen mussten. Ja, nichts ist vollkommen.
Fotos: privat/budapestbylocals

Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Köln, noch bis 24.3. 2019:

Es war einmal in Amerika

300 Jahre US-Amerikanische Kunst

Edward Hopper: Hoogan‘ House

120 Werke aus dreihundert Jahren amerikanischer Kunst-Geschichte – von 1650 bis 1950 – zeigt man jetzt in Köln erstmals in Deutschland. Mit dabei sind Gemälde von Edward Hopper, Mark Rothko, George Bellows, Jackson Pollock und Georgia o´Keeffe, Fotografien von Alfred Stieglitz und Skulpturen von Quincy Adams Ward und vielen anderen mehr. 130 Werke sind Leihgaben aus den USA, gezeigt werden auch Beispiele der Native American Art. Eine wirklich sehenswerte Show.

 

Geöffnet Di-So 10-18 Uhr, 1. + 3. Do bis 22 Uhr.

Der Schwebende

Da schwebt er! Der Bronzeengel mit dem Gesicht der Malerin Käthe Kollwitz hängt in einer dunklen
Ecke des Domes und ist viel größer als erwartet. Ernst Barlach hat ihn zur 700-Jahr-Feier des Güstrower Domes 1927 geschaffen, er sollte als Mahnmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges dienen. „Für mich hat während des Krieges die Zeit stillgestanden. Sie war in nichts anderes Irdisches einfügbar. Sie schwebte. Von diesem Gefühl wollte ich in dieser im Leeren schwebenden Schicksalsgestalt etwas wiedergeben,“ kommentierte Barlach (1870 – 1938) sein Werk. Das Gesicht seiner Kollegin sei ihm eher zufällig auf die Skulptur geraten, behauptete er auch gern. 1937 verunglimpften die Nazis den Schwebenden als ‚entartete Kunst‘, 1941 ließen sie ihn einschmelzen. Die Original-Gussform wurde im Krieg versteckt, und so konnten Nachgüsse entstehen, einer hängt heute in Köln, einer in Schleswig und eben dieser im Güstrower Dom.
Gegenüber steht das John Brinckmann-Gymnasium, in dem der Schriftsteller Uwe Johnson (1934 – 1984) 1952 sein Abitur machte, nachdem er mit Mutter und Schwester fünf Jahre in Güstrow gelebt hatte. Vor der Schule steht heute eine Büste des Dichters.

Das Renaissance-Schloss

Geht man jetzt vom Domplatz durch die Philipp-Brandin-Straße, erreicht man den Franz-Parr-Platz mit dem Regionalmuseum in einem Bürgerhaus von 1765, dem Amtsgericht, dem Barlach-Theater von 1828, in dem 1912/13 Hans Albers seine Karriere begann, und natürlich dem Renaissance-Schloss, in dem heute ein Museum für mittelalterliche Kunst residiert. Im Festsaal sollte man die mit Jagdszenen dekorierte Stuckdecke beachten. Von 1626 bis 1630 lebte Feldherr Albrecht von Wallenstein im Schloss, bis der Kaiser ihn entmachtete. Besonders sehenswert ist auch der Schlossgarten, der 1570 angelegt und seither häufig umgestaltet wurde.

Nur wenige Schritte entfernt, in der Heilig-Geist-Kirche, findet man das Norddeutsche Krippenmuseum, in dem ganzjährig Weihnachskrippen zu beschauen sind. Vierzig Jahre lang hat die Hamburgerin Mechthild Ringguth etwa 500 Krippen in siebzig Ländern gesammelt, die meisten von einheimischen Künstlern gefertigt. Hundert davon sind im Krippenmuseum zu sehen.

Marktplatz mit Giebelhäusern

Am besten geht man jetzt durch die Domstraße zum Marktplatz mit seinen vielen klassizistischen Bauten und vier mittelalterlichen Giebelhäusern. In der Mitte des Platzes steht die Pfarrkirche St. Marien aus dem 16. Jahrhundert. Besonders sehenswert ist hier der Flügelaltar des Brüsseler Bildschnitzers Jan Borman von 1522. Im Sommer kann man übrigens den 53m hohen Turm besteigen und hat dann einen herrlichen Rundumblick.

Das Rathaus

Auch das Rathaus steht am Marktplatz. Ein gotisches entstand bereits im 13. Jahrhundert, nachdem Güstrow das Stadtrecht erhalten hatte, brannte aber 1503 ab. Der heutige Bau mit der wunderschönen klassizistischen Fassade stammt aus des Ende des 19. Jahrhunderts.

Vom Marktplatz spaziert man am besten die Hageböcker Straße zur Gertrudenstraße und besucht die Gertrudenkapelle aus dem 15. Jahrhundert. Dort ist seit 1953 ein Barlach-Museum untergebracht, in dem seine Skulpturen „der Zweifler“, „Frau im Wind“ und „gefessete Hexe“ zu sehen sind.

Übrigens: Natürlich hat das Tourismusbüro verschiedene Führungen im Angebot. Eine zweistündige Gruppenführung gibt es zum Beispiel auf Plattdeutsch, denn „Güstrow bietet mennig taun ankieken.“

Fotos: Tourismus Güstrow

„Einer der ersten Schritte auf dem Weg, sich selbst besser zu verstehen, besteht darin, all diese Mythologien und Illusionen über ein individuelles Selbst mit freiem Willen hinter sich zu lassen. Die Leute, die an den freien Willen glauben, sind am einfachsten zu manipulieren.“

Der israelische Historiker und Bestseller-Autor Yuval Noah Harari in einem Interview mit der Zeit vom 20. September 2018.

Peter Butschkow, der Berliner Zeichner, lebt und arbeitet in Nordfriesland und hat schon weit mehr als 2 Millionen Bücher, Kalender und unzählige Postkarten verkauft.

Cartoon-Abdruck kostenpflichtig www.butschkow.de

L’Hotel Particulier, Bordeaux

Wie charmant! Vom kleinen Innenhof geht es über verschiedene Stiegen in die Zimmer und Apartments, jedes anders eingerichtet, aber alle mit einer gekonnten Mischung aus modernen Möbeln und Antiquitäten. Die Bäder sind groß und praktisch, das Frühstück akzeptabel. Das Hotel ist sehr ruhig, obwohl es nur hundert Meter bis zur Kathedrale und dem Rathaus von Bordeaux sind. Auf dem schönen Platz davor kann man im Cafe Francais prima mit einem Cafe aux lait sitzen und den Franzosen beim Kirchgang zuschauen. DZ ab ca. 90 Euro.

Foto: L’Hotel Particulier

Pflanzen-Show
Natürlich haben Sie schon davon gehört, dass der rote Fingerhut extrem giftig ist. Weniger als ein Gramm seiner Blätter bringen einen Erwachsenen um. Aber wussten Sie, dass die weiß umrandeten Flecken wie ein Hinweis auf Insekten wirken: Hier gibt’s Nektar? Dabei schaffen es nur die starken Hummeln an die tief sitzenden Staubbeutel zu gelangen.
Bienen sind unglaublicherweise auch in dichten Buchenwäldern unterwegs, denn der zarte kleine Sauerklee mit seinen herzförmigen Blättern produziert reichlich Nektar, den die kleinen Brummer sehr lieben.
Diese und noch viele andere interessante Fakten zu hundert Pflanzen, die man kennen sollte, hat der Schweizer Botaniker Adrian Möhl für sein Buch gesammelt und die Zeichnerin Denise Sonney hat sie alle wunderhübsch porträtiert.
Ein kleiner Nachteil des informativen Buches: Für Nicht-Kenner sind die Pflanzen nach den Zeichnungen kaum zu identifizieren.
Adrian Möhl, Denise Sonney: Deutschlands Flora amabilis – 100 Pflanzen, die Sie kennen sollten, 224 S., Hirmer, 25 Euro Foto: Hirmer

Sterneküche – zum Nachkochen
Der französische Koch Michel Troisgros hält seit 20 Jahren drei Michelin-Sterne und wurde 2018 zum „Besten Koch der Welt“ beim „Chefs World Summit“ gewählt, einem Treffen aller Spitzenköche in Monaco. Ebenfalls vor 20 Jahren hat er neben seinem Sternerestaurant ein „Cafe Central“ in Roanne eröffnet, eine Mischung aus Cafe, Bistrot und Feinkostladen, das längst eine große Schar Stammkunden gewonnen hat. Die Gäste lieben besonders die leichte, einfache Landesküche aus hervorragenden Produkten. 81 der gut nach zu kochenden Rezepte haben Michel Troisgros und seine Frau Marie-Pierre in ihrem Buch zusammengestellt, zum Beispiel ihre Zwiebel-Steinpilz-Tarte, den in Bier geschmorten Ochsenschwanz und den saftigen Grapefruitkuchen. Schöne, klare Fotos der Speisen und des Restaurants und ein paar Basisrezepte wie das für eingelegte Zitronen oder knusprige Kapern ergänzen den Band.

Michel & Marie Pierre Troisgros: Haute Cuisine – ganz einfach, 192 S., Sieveking Verlag, 29 Euro. Foto: Sieveking

Gundermann

Gerhard Gundermann (1955 bis1998) war in der DDR ein bekannter Poet und Liedermacher – und Baggerfahrer. Der Film erzählt sein zerrissenes Leben rund um die Wendezeit, von seinen Auftritten, seiner Skepsis dem Staat gegenüber, seiner großen Liebe und seinem Verrat. Ein stiller, intensiver Film, der den Zuschauern das echte Leben in der DDR nahe bringt.
Wo der Film wann gezeigt wird finden Sie hier: www.gundermann-derfilm.de/

Köln: Im Museum Ludwig ist jetzt das fast 10 Meter breite und etwa 7 Meter hohe Bild „Katze“ des früh verstorbenen Künstlers Michel Majerus (1967 bis 2002) zu sehen, das 2017 angekauft wurde. Sein Werk gilt als deutsche Antwort auf die internationale, monumentale Architektur und die expressive Malerei der frühen 1990er Jahre.
New York: Am 3. Dezember hat ein neues Musical am Broadway Premiere: „The Cher Show“ erzählt von 60 Jahren Ruhm, 35 Hits, zwei Ehemännern, einem Grammy, einem Oscar und einem Emmy für die amerikanische Ausnahmekünstlerin Cher.
Berlin: Der Audio Verlag hat gerade die „Edition Simenon“ herausgebracht – sämtliche Maigret-Romane, ungekürzt gelesen von Walter Kreye und andere Romane gelesen von Christian Berkel, Ulrich Noethen und anderen Schauspielern. Preise ab ca. 10 Euro. Am 14. November liest Walter Kreye im Pfefferberg Theater, Schönhauser Allee, Berlin. Anwesend wird auch John Simenon sein, der Sohn Georges Simenons.

 

  9. November, Hamburg: „Grindel leuchtet“ auch in diesem Jahr wieder. Zur Erinnerung an die Progromnacht vor 80 Jahren stellen die Anwohner des Grindelviertels – und alle, die sonst mitmachen möchten – Kerzen neben die Stolpersteine vor ihren Haustüren. Ab 16 Uhr 30 leuchtet Grindel!

Samstags und sonntags 13 Uhr, Weil am Rhein: Das Vitra Schaudepot bietet an Wochenenden immer um 13 Uhr einen geführten Rundgang durch seine Design-Sammlung auf Deutsch und um 14 Uhr auf Englisch. Zu sehen bekommt man Möbel-Entwürfe von u.a. Alvar Aalto, Charles & Ray Eames, Gerrit Rietveld und Ettore Sottsass.

 

 

15. November: Ein ganz ungewöhnliches Weihnachtsheft liegt ab heute am Kiosk: „Weihnachten – heute so schön wie früher“ bietet natürlich Geschenke, Deko-Ideen und Rezepte, aber darüberhinaus erzählt es in spannenden Reportagen, Biografien und Porträts, in Liedern und Gedichten von dem Weihnachtsgefühl, das wir uns alle wünschen – und das völlig anzeigenfrei. Es kostet an gut sortierten Kiosken 5,90 oder über leser-service@steyler.online
15. bis 18. November, Hamburg: Beim „Affordable Art Fair“ in den Messehallen zeigen dieses Mal 80 Galerien Kunst für alle, Gemälde, Grafiken, Fotos und Skulpturen von bekannten und unbekannten Künstlern für Preise zwischen 100 und 7500 Euro. Eintritt 16 Euro, geöffnet Do 11-22 Uhr, Fr 11-20 Uhr, Sa 11-20 Uhr, So 11-18 Uhr.
Fotos: Veranstalter

Und schon ist es wieder so weit: Weihnachten naht und damit der ewige Geschenke-Terror. Entspannen Sie sich, wir haben schon mal ein paar Vorschläge gesammelt, mit denen Sie sowohl Ihre Mutter, den Liebsten und auch Tante Erika beglücken können:
Ritzenhoff: Ein glänzendes Geschenk nicht nur für Queen Mum – oder Papa, jedenfalls für alle Gin–Freunde. Dieses Glas hat der Designer Shinobu Ito gestaltet, es kostet 24,50 Euro.
Fleur Ami: Die handgefertigten Vasen aus mundgeblasenem Glas in Blau und Violett sind auch ohne Blumen schöne Hingucker. Die kleine kostet 47, die große 84 Euro.
Gmundner Keramik: Die Österreicher schätzen Traditionen, und wir mögen den Toni! Den Skiläufer gibt es in Rot, Grau und Grün, die Espresso-Tasse kostet 30,80 Euro.
Wittkemper living: Ein ziemlich kostbares Geschenk macht man sich vielleicht doch am besten selbst. Die Sterne Caligula aus vernickeltem Edelstahl wiegen 3,5 Kilo und kosten fast 400 Euro. Aber schön sind sie!
Pad: Die große Schwester freut sich bestimmt über das Kissen „Lashes, 30 x 50 cm groß in Pink, Gold oder Aqua für 29,95 Euro.
Karikaturenedition: Bücherfreunde sind dankbare Abnehmer von ganz besonderen Buchstützen, zum Beispiel mit dem Kopf Bob Dylans oder Egon Schieles, von Sigmund Freud oder einem tanzenden Martin Luther. Die wunderbaren Karikaturen gibt es jetzt auch als Lesezeichenkalender und als literarischen Adventskalender.

 

Fotos: Hersteller

Unser Autor

Unser Kolumnist, der Ungar Péter Pál Meleghy, ist Autor vieler Reiseführer und Kochbücher und schreibt für verschiedene deutsche Zeitschriften. Er lebt in Hamburg und Budapest und betreibt die Website www.ungarnaktuell.de, außerdem die beiden Literaturseiten www.phantastisch-realistische-literatur.de und www.ein-oscar-fuer-hitler.com

Sozialistische Unmoral und die römische Kirche – Gegensätze, die sich sanft
ineinanderfügen – können

Anfang der 1980er Jahre sah ich während meiner ersten Reportagen in Budapest immer wieder kleine Autos der Marke Fiat 500, „Cinquecento“. Sie trugen römische Kennzeichen und viele von ihnen waren feuerrot lackiert. Drinnen saß immer ein junges, offensichtlich glückliches Paar. Sie Ungarin, er Italiener.
Auffällig waren die Gefährte schon deshalb, weil es damals in Budapest wenige Autos gab, und diese wenigen kamen aus der Deutschen, Rumänischen oder der Tschechischen Demokratischen Republik, und waren nicht gerade hübsch oder gar lustig – und schon gar nicht rot. Zudem sah man glückliche Auto-Insassen in der ungarischen Hauptstadt ohnehin selten.

Kultauto „Cinquecento“

Das Glück und des Rätsels Lösung lag in den Genen und der Erziehung der Insassen versteckt. Die jungen Männer, wohlgemerkt die Jungs (!), kamen aus einem Land mit Jahrtausende alter matriarchalischer Tradition, begründet durch die geraubten Sabinerinnen, die zuvor (im heutigen Umbrien) in einer Gynaikokratie, Frauenherrschaft, mit freier Liebe lebten. Als aber um 400 nach Chr. Päpste und Bischöfe in Frauenkleidern(!) auf der Bühne des römischen Herren-Theaters auftraten und unter Androhung von Höllenqualen die außereheliche Liebe verboten, beließen sie den Frauen die volle Macht in der Familie, weil die bereit waren, das Sexverbot (das im Prinzip auch für die Priester galt) bei der Jugend durchzusetzen.
Tatsächlich regierten in Süditalien auch im 20. Jahrhundert die Frauen, besonders die Mütter und Großmütter, und wachten streng über die Unversehrtheit der Jungfernhäutchen ihrer Töchter und Enkelinnen. Mir berichtete in den 1970ern ein Freund, der in Rom Zahnmedizin studierte, dass man dort mit den Mädchen alles machen konnte. Alles, nur keinen Sex. Die italienischen Jungen wiederum lernten, dass man bei Müttern, Tanten, Großmüttern, überhaupt bei Frauen mit Höflichkeit, Freundlichkeit, Lächeln und Witzchen alles erreichen kann. Selbst winzige Geschenke können Wunder wirken.
In Ungarn, wie in anderen Ländern des Sozialismus gab es keinen Religionsunterricht. Und der „Liebe Gott“ kam nicht dazu, Sex zu verbieten bzw. als etwas Böses in die jugendlichen Herzen und Hirne zu impfen. Zudem arbeiteten in den meisten Familien beide Eltern außer Haus, und selbst eine Abtreibung bedeutete kein großes Problem.
So waren die jungen Ungarinnen – Abkömmlinge wilder Reiter und Rinderzüchter, die mit ihren Frauen nicht gerade zimperlich umgingen (umgehen) –, geradezu hingerissen, als sie die sanften, lustigen Italiener kennenlernten. Ihr Männerbild begann zu glänzen. Zumal auf dem schmalen Rücksitz des „Cinquecento“ wie zufällig hübsch verpackte Nylonstrümpfe, Unterwäsche, Nagellack und Ähnliches lagen. Und auch im Sex waren die Italiener anders. Spielerischer, sanfter. Da gab es keine Eile, sondern Streicheleien, Liebesschwüre und tausend Küsse. Dafür waren die Mädchen und jungen Frauen spontan hingebungsvoll – was wiederum für die südländischen Jungs das Paradies bedeutete.
Réka und Domenico (beide um die 60), lernte ich unlängst in einem Budapester Café kennen. Sie sprachen italienisch. Réka betonte die erste Silbe (falsch), Domenico (richtig) die vorletzte. Sie berichteten begeistert, dass sie allein in der Innenstadt über zehn ungarisch-italienische Paare kennen. Und als Ausnahme, um die Regel zu bestätigen, eine junge Frau, die sagt: „Die Italiener sind keine Männer! Die können nicht sagen: ‚das will ich, und das will ich nicht!‘ Die sind Muttersöhnchen.“
Da ist natürlich etwas dran – vielleicht das Wichtigste. Vermutlich halten gerade deshalb die Verbindungen zwischen den selbstbewussten, unternehmerischen Frauen und ihren sanften Männern so überraschend lang. Von den 1980er Jahren bis heute. Auch wenn die Paare keinen „Cinquecento“ mehr fahren.
Fotos: privat/Hersteller

Staatsgalerie, Stuttgart, 23.11. bis 10.3. 2019:
Marcel Duchamp
100 Fragen. 100 Antworten.

Henri-Robert-Marcel Duchamp (1887 bis1968) war ein französisch-amerikanischer Maler und Bildhauer, der auch exzessiv Schach spielte.
Besonders bekannt wurde er durch seine Readymades, zum Kunstobjekt erklärte Alltagsgegenstände. In Stuttgart zeigt man jetzt die vielen dem Museum gehörenden Werke wie zum Beispiel den bekannten „Flaschentrockner“ neben bedeutenden Leihgaben aus großen Museen.
Ergänzt wird die spannende Ausstellung mit dem Duchamp-Archiv des Schweizer Forschers Serge Stauffer, der dem Künstler 1960 100 Fragen gestellt, und 100 Antworten erhalten hatte.

Geöffnet Di-So 10-18 Uhr, Do bis 20 Uhr.
Foto: Marcel Duchamp, La Bagarre dÁusterlitz (Die Schlägerei von Austerlitz), 1921. Öl auf Holz, Glas, Objekt: 62,8 x 28,7 x 6,3; Holzsockel: 5x 33 x20,2; Gesamthöhe: 67,8cm, Staatsgalerie Stuttgart,
@ Association Marcel Duchamp/VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Diesmal: Naumburg

Naumburgs Dom

Na endlich! Im dritten Anlauf wurde jetzt der Naumburger Dom als UNESCO-Weltkulturerbe anerkannt. Wer dieses großartige Ensemble besucht, versteht wirklich nicht, warum es so lange gedauert hat.
Naumburg liegt an der „Straße der Romanik“ mitten in Sachsen-Anhalt, und der Dom ist ein beeindruckendes Beispiel für die Baukunst der Romanik, hat aber auch schon Elemente der Frühgotik. Weltberühmt wurde er wegen der zwölf einzigartigen, lebensgroßen Stifterfiguren, die ein unbekannter Meister geschaffen hat. Unter ihnen die „schönste Frau des Mittelalters“, Uta von Naumburg . Man vermutet, dass es sich um Uta von Ballenstedt (1000? bis 1046), die Ehefrau des Markgrafen Ekkehard II. von Meißen handelt, allerdings sprechen die Krone und ihr Mantel eher dagegen, außerdem war sie schon 200 Jahre tot, als die Figuren geschaffen wurden. Für das 13. Jahrhundert noch völlig unüblich, zeigen alle Stifter realistische Gesichtszüge mit einer außerordentlichen Ausdruckskraft. Utas Gesicht wurde denn auch immer wieder – besonders im Nationalsozialismus – als Sinnbild der reinen, deutschen Frau gesehen. Selbst Umberto Ecco, der italienische Professor für Semiotik und Medienwissenschaften und Romanautor, bekannte in seiner „Geschichte der Schönheit“, Uta sei seine erste Wahl, wenn er mit einer Figur aus der Kunstgeschichte essen gehen könnte.
Der Leipziger Maler Neo Rauch sorgte für ein weiteres Kunstwerk im Dom, er gestaltete drei Fenster in der Elisabethkirche, die in rotem und weißem Glas die Geschichte der heiligen Elisabeth von Thüringen erzählen.
Man sollte nicht versäumen, sich den gut gemachten Film in der Sakristei anzuschauen, der die Geschichte des Doms anschaulich macht. Und dann geht man zur Erholung am besten in den Domgarten, der fast einen Hektar groß ist und neben vielen Bäumen auch Teiche und die Pflanzenwelt des Mittelalters bietet, die dem Naumburger Meister als Vorbild für Kapitelle und Friese diente.

Am Markt

Vom Domplatz aus schlendert man dann am besten durch die Fußgängerzone, dem Steinweg und der Herrenstraße zum Marktplatz von Naumburg mit seinem Rathaus von 1528 und dem wunderschönen Renaissance-Portal. Direkt hinter dem „Schlösschen am Markt“ steht die Wenzelkirche von 1426 mit einer barocken Innenausstattung. Die schöne Orgel wurde 1746 von Zacharias Hildebrandt erbaut und von

Die wunderbare Hildebrandt-Orgel

Johann Sebastian Bach und Gottfried Silbermann eingeweiht. Der Turm der Wenzelkirche ist 72m hoch und hat eine Wohnung, in der von 1513 bis 1987 insgesamt 36 Türmer lebten. Heute gibt es dort eine öffentliche Aussichtsplattform.
Geht man abschließend durch die Wenzelstraße und die Wenzelsgasse, dann erreicht man in der Straße Weingarten das Nietzsche Haus, in dem Friedrich Nietzsche (1844 bis1900) zeitweise mit seiner Mutter und seinen Geschwistern lebte. Heute ist dort ein Dokumentationszentrum zu seinem Leben und Werk untergebracht.
Von dort schlendert man an der Wenzelsmauer entlang, den Resten der Stadtbefestigung, und erreicht über den Kramerplatz mit der Kirsche St. Peter und Paul und über den Othmarsplatz mit der Othmarskirche wieder den Dom. Spätestens jetzt sollte man sich auf dem Domplatz in einem Cafe niederlassen und das gewaltige Bauwerk noch einmal auf sich wirken lassen.
Fotos: CO